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Sonderveröffentlichung
Themenspecial Stadtmagazin Bensheim

60! Was, jetzt schon?“

Kolumne: Unser Fotograf Thomas Neu feiert in diesem Herbst einen runden Geburtstag und macht sich Gedanken übers Älterwerden.

Wie schnell die Zeit vergeht: Fotograf Thomas Neu als kleiner Bub mit der Kamera seines Vaters – und heute, circa 55 Jahre später. Bilder: Thomas Neu

11.10.2021
Zu meinem 50. Geburtstag bekam ich von meinem Sohn eine wunderschöne Bildcollage geschenkt. Musikalisch begleitet wurde die digitale „Diashow“ meines Lebens mit dem Reinhard-Mey-Lied „50! Was, jetzt schon?“. Ein sentimentales Lied, in dem ein 50-Jähriger sinniert, wie schnell die Zeit vergangen ist, seitdem er als kleiner Junge durch ein Loch in seiner Hose seinen Einkaufsgroschen verloren hat. In einer Zeile heißt es: „Hat meine Jugend über Nacht, sich leise aus dem Staub gemacht, und ich hab’s gar nicht mitbekommen?“

Reinhard Mey wird nächstes Jahr schon 80 Jahre alt und bei mir jährt es sich zum zehnten Mal, dass ich diese Collage geschenkt bekam. Kurz gesagt: Ich werde 60! Um es positiv zu sehen: Ich bin als Vierjähriger nicht ertrunken, als ich in die Regentonne unseres Schrebergartens fiel und habe mit 16 einen Mopedunfall überlebt, und seitdem bei diversen Unfällen das Glück auf meiner Seite gehabt. Dreimal auf Holz geklopft!
Jeder will alt werden, aber keiner will alt sein. Ein Satz, den jemand anders sich ausgedacht hat und der den Nagel auf den Kopf trifft. Die Generation meiner Eltern musste nicht nur kriegsbedingt schnell erwachsen werden, sie wollte auch möglichst schnell als Erwachsene ernst genommen werden. Früher wollten Jungs Männer sein, und heute wollen Männer Jungs bleiben. Das Ziel war einst, möglichst schnell das Elternhaus zu verlassen und ohne Bevormundung und dem Korsett der strengen Regeln sein eigenes Leben zu leben. Sätze wie „Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt“ oder „Solange du die Füße unter meinen Tisch steckst, wird gemacht, was ich sage“, waren hilfreich, um sich von den Eltern möglichst schnell abzunabeln.

Heute gibt es kaum noch Konflikte zwischen Eltern und Kindern. Statt strengen Erziehungsregeln Freundschaft für ein ganzes Leben. Und am Ende profitieren nicht nur die Kinder, die ihr hart verdientes Geld nicht für Miete und Lebensunterhalt ausgeben müssen, auch die Eltern haben einen Mehrwert. Die „Nesthocker“ belohnen ihre Erzeuger mit kostenloser Schulung in modernster Unterhaltungstechnik und anderen Zeitgeistfragen.

Zurück zu meinen eigenen Altersbedenken: Da freue ich mich, wenn ich von einer Bedienung geduzt werde, bis ich merke, dass alle Kunden geduzt werden, weil ein cooles Geschäftsmodell dahintersteckt. Da freue ich mich, dass ich ein paar Jahre jünger geschätzt werde, bis ich lese, dass man wirklich alt ist, wenn man sich freut, jünger geschätzt zu werden.

In einem Lied beschreibt die Sängerin Ina Müller die Situation in einer überfüllten Bahn und befürchtet, ein junger Mann könnte ihr den Platz anbieten: „Wenn du jetzt aufstehst, wär’ das mein erster Schritt zur letzten Ruhe. Wenn du jetzt aufstehst, dann trage ich bald beige Schuhe.“ Nachdem sie im weiteren Liedtext über das Altwerden sinniert, kommt am Ende die Erleichterung, dass der Mann nicht sie meint, sondern für eine wirklich alte Oma aufsteht.

Ich hatte kürzlich ein ähnliches Erlebnis in der Praxis meines Hausarztes. Als ich von der Corona-Impfung in den Warteraum zurückkehrte und alle Stühle besetzt waren, bot mir ein junger Mann seinen Platz an. Während ich mich über die Höflichkeit freute, musste ich an Ina Müllers Lied denken und beschloss, meine nächste Kolumne dem Älterwerden zu widmen.

Typisch alt:
■ Nach dem Schwimmen die Badehose wechseln und nicht mehr am Körper in der Sonne trocknen zu lassen.
■ Sich früher mit Freunden zum Essen verabreden.
■ Kleinere Portionen bestellen.
■ Bei Urlaubsfahrten eine Übernachtung einplanen und sich nicht wie mit 20 durch Kaffee, Cola, Zigaretten und den Kopf aus dem fahrenden Auto in den Fahrtwind haltend wach zu halten.
■ Die Nächte nicht mehr durchfeiern und beim Alkohol trinken an den Morgen danach denken.
■ Nur noch Zeit mit Menschen verbringen, die einem gut tun.

Es gibt ja unzählige Bücher, die sich mit dem Älterwerden beschäftigen. Eine ganze Industrie lebt von der Angst der Menschen, dass man ihnen ihr wahres Alter ansehen könnte. In Werbefilmen wird die Wirksamkeit der Cremes und Tinkturen von berühmten Schauspielerinnen angepriesen, die ihre Leinwandjugendlichkeit oftmals nur dem Einsatz von Weichzeichnern und Bildretuschen verdanken. Der Jugendwahn ist allgegenwärtig. Was mein Eigenes „alt sein und werden“ betrifft, so habe ich vor einer Sache keine Angst: Ich werde im Alter keine Glatze bekommen, denn die habe ich schon, seit ich 24 bin. Glück gehabt! Thomas Neu
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