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Sonderveröffentlichung
Themenspecial Stadtmagazin Bensheim

Auf zu neuen Horizonten

Im Bensheimer Gewerbegebiet hat Pilot Oliver Shariff in einer Halle einen Flugsimulator eingerichtet. In Original-Cockpits können sowohl Laien als auch Profis Hebel und Knöpfe bedienen, um in die Luft zu gehen.

Bild: adobe-stock.com/i-picture

11.10.2021
Es vibriert im Hintern, als das Fahrwerk ausfährt. Der New Yorker John F. Kennedy International Airport ist längst in Sichtweite. Die Landebahn wird immer größer. Jetzt ist es an der Zeit, die Geschwindigkeit zu reduzieren. Auf dem Bedienpanel die Taste „IAS/MACH“ langsam drehen, bis man circa 270 Stundenkilometer erreicht hat. Dann die Landeklappen ausfahren. Dafür muss der Hebel, der sich rechts neben den Schubhebeln befindet, leicht auf Stufe fünf angehoben werden. Dann den Schub weiter verlangsamen. Ab einer Höhe von etwa 1000 Fuß beginnt der Bordcomputer, mit einem zu sprechen. Nach dem Aufsetzen werden die Autobreaks aktiviert. Volle Kraft zurück. Sonne in New York. Der Vogel ist gelandet.

Fly747
Im Cockpit einer Boeing 747-400 ist es durchaus gemütlich. Unzählige Displays, Zeiger und blinkende Knöpfe. Überall leuchtende Schalter und die Cockpit-Synoptik in abgedunkelter Kanzel. Die Schnauze des Jets sieht man nicht. Es sind rund 25 Meter ohne Sicht bis zur Spitze. Nichts für Leute mit Einparkproblemen. Doch die Computer helfen, wo sie können. Das Personal ebenso. Der persönliche Instructor weiß alles und erläutert es mit der gelassenen Ruhe eines Waldorfschullehrers.
„Noch stärker“, betont Oliver Shariff, als die Maschine noch immer nicht abheben will. Man muss das Steuerhorn schon recht weit an den Körper ziehen, bis man in die Luft geht. Ein faszinierendes Gefühl. Frankfurt wird immer kleiner, und wenige Minuten später überfliegt man Bensheim und die Bergstraße. Man erkennt das Auerbacher Schloss und den Badesee. Vor einem der künstliche Horizont. Blau der Himmel, braun die Erde. Links der Tacho, rechts der Höhenmeter in Fuß. Frankfurt/Main liegt 350 Meter über Normal Null. Die Abhebegeschwindigkeit beträgt 300 km/h. Ein konzentrierter Moment, die Anspannung wächst. Es wird warm. „Die Klimatisierung wird noch verbessert“, so der Co-Pilot, der eigentlich der wahre Boss ist. Oliver Shariff ist Flugkapitän in einem der größten Passagierflugzeuge der Welt. In echt.

Snacks werden auf einem authentischen Tablett gereicht, und wer aufs WC geht, der fühlt sich wie in der Bordtoilette.

„Kann ein Laie eine Linienmaschine notlanden?“, lautet die Frage, die Oliver Shariff extrem fasziniert.

Ein Mann, der vor Leidenschaft für die Fliegerei fast platzt und mit einer unglaublichen Liebe zum Detail in einem unscheinbaren Bensheimer Gewerbegebiet einen magischen Ort zum Abheben geschaffen hat. Alles ist original. Der Check-in-Schalter stand früher in der Halle des Stuttgarter Flughafens. Ein CAT III-Bodenschild hatte seinen Platz auf der Rollbahn in Berlin-Schönefeld. Zu jedem einzelnen Stück kann Shariff eine Geschichte erzählen. Wenn sich das Rolltor am Weidenring mit dem großen fly747-Logo öffnet, taucht man ein in eine Atmosphäre, die einen kaum noch loslässt. Der erfahrene Pilot hat ein 747-400-Cockpit als hoch modernen Flugsimulator umgebaut, in dem auch aeronautische Legastheniker unter nahezu realen Bedingungen fliegen können.

In der Halle sind gleich zwei originale Jumbo-Cockpits eingebaut. Eines stand von 1990 bis 2012 in Diensten der Cathay Pacific Airways. Das andere trägt die Seriennummer 714 und wurde als eines der letzten seiner Baureihe von 1988 bis 2008 als Frachter bei Air France Cargo und Cargo B Airlines eingesetzt. „Ganz schwer zu bekommen“, kommentiert der Bensheimer „Flughafenchef“. Im vergangenen Jahr wurden die historischen Komponenten auf Schwerlast-Transportern nach Bensheim transportiert. Eins davon ist der Simulator, für den Oliver Shariff extra eine 240-Grad Rundleinwand mit drei Laserbeamern integriert hat. Dazu läuft eine fotorealistische Software. Fünf Rechner und zwölf Monitore sind verbaut. Die Illusion ist perfekt.
 
Starten in Frankfurt/Main, landen in New York – im Flugsimulator von Oliver Shariff ist alles möglich. | Bilder: Thomas Neu
Starten in Frankfurt/Main, landen in New York – im Flugsimulator von Oliver Shariff ist alles möglich. | Bilder: Thomas Neu
Aber auch außerhalb des Flugzeugs hat der 54-Jährige an nichts gespart. Snacks werden auf einem authentischen Serviertablett gereicht, und wer auf das WC geht, der fühlt sich wie in der Bordtoilette. Dazu gibt es Massagesitze wie in der First Class und eine originale Treppe hinauf in die Jumbo-Lounge, wo das Briefing stattfindet. 14 Stufen bis zum Upperdeck. Hier haben sich schon echte Cargo-Piloten erfolgreich schulen lassen. Für den Kapitän ein veritables Geschäftsmodell. Jeder kann sein Ticket buchen. Ob fortgeschrittener Aerowings-Simulatorpilot oder blutiger Anfänger.

Neben elementaren Grundlagen und Basis-Instruktionen erwartet einen ein mindestens einstündiger Aufenthalt im Cockpit. Vom Anlassen der Triebwerke bis zum Abstellen am Zielort durchläuft man fliegerische Standards wie Rollen, Start, Steig- und Reiseflug, Sinkflug, Anflug und Landung sowie das Rollen zur Parkposition. Knapp zehn Meter sitzt man über dem Boden und sieht um sich herum den Flughafenbetrieb. Ob in Mallorca oder Rio, in Key West oder auf den Seychellen. Shariff kann das Wetter und die Tageszeit bestimmen. Auch Nachtflüge oder stürmische Verhältnisse sind möglich, wenn einem danach sein sollte.
Der Profi serviert eine Einführung in Flugzeugsteuerung sowohl manuell wie auch mit dem Autopiloten. Man erfährt, wie man Steuerhorn, Gashebel, Fahrwerk und Landeklappen bedient und wann man die Radarlotsen spätestens fragen sollte, ob man die Parkposition verlassen kann. Das Lösen der Bremse ist eine der leichteren Übungen. Wer möchte, kann auch die Kommunikation der Flugverkehrskontrolle (Air Traffic Control oder einfach ATC) einschalten, um noch mehr Live-Atmosphäre zu genießen.

Doch es geht auch anspruchsvoller. Auf Wunsch setzt einen der Airline-Pilot mitten über dem weiten Atlantik aus, auf dass man unter fachlicher Anleitung den Vogel mitsamt den Passagieren sicher zur Erde zurückbringt. „Kann ein Laie eine Linienmaschine notlanden?“, lautet die große Frage, die Oliver Shariff extrem fasziniert, die er aber durchaus nicht per se verneint. Vermutlich wird kaum einer je in die Verlegenheit kommen, in einer Notsituation ein Flugzeug landen zu müssen. In Bensheim ist ein solches Szenario aber jederzeit möglich. Was jedoch unbedingt notwendig sei, so Shariff, sei eine kompetente Regie. Schließlich müssten Passagiere die Knöpfe im Cockpit erstmal finden, was bei der hohen Anzahl an Schaltern gar nicht so einfach ist.

Wer einmal in einem Cockpit gesessen hat, tut sich leichter, kann sich angesichts technischer Komplexität und Unmengen von Fachchinesisch besser orientieren und die richtige Entscheidung fällen. Und, wenn alles glatt läuft, in New York den Boden küssen, während das Wasser im Hudson in der Sonne glitzert. Ein prickelndes Gefühl, bei dem man völlig vergisst, dass man sich überhaupt nicht von der Stelle bewegt. Geschweige denn in die Lüfte. Dann öffnet sich das Hallentor. Die Bergsträßer Sonne blendet in den Augen. Von Jetlag keine Spur. Thomas Tritsch
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