Sonderveröffentlichung
Themenspecial Stadtmagazin Bensheim

Aus alt wird modern

Susanne und Guido Kellner haben aus einem historischen Fachwerkhaus an der Stadtmühle ein echtes Schmuckstück gemacht. In dem kernsanierten Gebäude wurden rustikale Optik und geradlinige Ausgestaltung harmonisch zusammengeführt.

Text: Barbara Cimander  

Es ist ein idyllisches Fleckchen inmitten der Altstadt: das Areal an der Stadtmühle. An der südlichen Seite die gleichnamige Traditionskneipe mit Biergarten, im Zentrum die kleine Anlage mit dem Brunnen der Fraa vun Bensem – und gegenüber zwei urige Fachwerkhäuser, die dem Platz den typischen Bensheimer Charme geben. Das schmale Haus mit der Nummer 4 erstrahlt seit einigen Monaten in neuem Glanz. Aufwendig wurde das Kulturdenkmal, Baujahr circa 1600, seit Mitte 2017 kernsaniert und modernisiert – natürlich in enger Abstimmung mit der Denkmalschutzbehörde.

„Es gab fast jeden Tag etwas Neues zu entscheiden“,

erzählt Guido Kellner.

Stolze Besitzer des Schmuckstücks sind Susanne und Guido Kellner aus Ober-Beerbach. Dass sie sich auf ein solches Großprojekt eingelassen haben, war dabei keine Selbstverständlichkeit – und ursprünglich auch gar nicht geplant. Denn die Heilpraktikerin wollte eigentlich lediglich neue Räume für ihre Praxis anmieten – doch die Suche nach passenden Mietobjekten an der Bergstraße gestaltete sich schwierig. Durch Zufall stießen sie auf das Haus an der Stadtmühle – und verliebten sich direkt in den historischen Charme des alten Gebäudes. Nach eingehender Besichtigung und Beratung beschlossen sie, den großen Schritt zu wagen, den sie sich noch vor einigen Jahren wohl nie zu träumen gewagt hätten.

Ein Faible für alte Häuser und viel Holz hatte das Ehepaar schon immer. In Ober-Beerbach wohnen sie in einem Holz-Blockhaus. Interessant wurde das Projekt in Bensheim auch durch die Möglichkeit der steuerlichen Abschreibung und staatlichen Förderung bei der Sanierung denkmalgeschützter Objekte. „Sonst hätten wir es nicht gemacht“, geben die Kellners offen zu.

Susanne und Guido Kellner im Gespräch mit Architektin Bettina Hennemann (l.). Sie hat die Sanierung des alten Fachwerkshauses an der Stadtmühle vom ersten Tag an begleitet. Die Praxis von Susanne Kellner besticht durch die alten Holzbalken und die freigelegte Bruchsteinwand. | Bilder: Thomas Neu
Susanne und Guido Kellner im Gespräch mit Architektin Bettina Hennemann (l.). Sie hat die Sanierung des alten Fachwerkshauses an der Stadtmühle vom ersten Tag an begleitet. Die Praxis von Susanne Kellner besticht durch die alten Holzbalken und die freigelegte Bruchsteinwand. | Bilder: Thomas Neu
Im Juli 2017 unterschrieb das Ehepaar den Kaufvertrag. Dann begann eine spannende und aufregende Zeit. „Es gab fast jeden Tag etwas Neues zu entscheiden“, erzählt Guido Kellner lachend. „Wir haben uns mit jedem Detail beschäftigt.“ Vom ersten Tag an hat Architektin Bettina Hennemann aus Bickenbach das Projekt begleitet. Die Diplom-Ingenieurin ist auf die Sanierung von Kulturdenkmälern spezialisiert und hat bereits viele historische Objekte betreut. Unter anderem war sie in Bensheim schon als Studentin für das Gronauer Architekturbüro Rohde an der Sanierung der Liebfrauenschule beteiligt. „Eigentlich hatte ich gar keine Zeit“, sagt Hennemann über den Auftrag. „Aber das Objekt, die Bauherrschaft und die Planungsaufgabe waren toll: Viel Platz aus wenig Wohnraum zaubern.“

Auf vielen Fotos haben die Kellners und Architektin Hennemann den Ursprungszustand des Hauses und das Fortschreiten der Arbeiten dokumentiert. Verwinkelt, eng und düster präsentierte sich das Innere des Hauses, als die Kellners es kauften. Wände und Fachwerk waren verkleidet, auf dem Boden lag Teppich oder PVC.
Hell und offen: Blick ins Obergeschoss des sanierten Fachwerkhauses. Rechts ist der erhaltene Teil des alten Wanddekors zu sehen. | Bild: Thomas Neu
Hell und offen: Blick ins Obergeschoss des sanierten Fachwerkhauses. Rechts ist der erhaltene Teil des alten Wanddekors zu sehen. | Bild: Thomas Neu
Nach der Kernsanierung in nur einem Jahr Bauzeit ist das Haus im Inneren kaum wiederzuerkennen. Die alte Hauptkonstruktion der Holzbalken und des Dachs wurde weitgehend erhalten und sichtbar gemacht, gleichzeitig wurden nicht historische Elemente zurückgebaut. Das Dach wurde mit Biberschwanz-Ziegeln gedeckt, neue Sprossen-Fenster wurden eingebaut, Wände durchgebrochen, eine energieeffiziente Gastherme als Heizung eingebaut.

Vor allem das Erdgeschoss wurde mehrfach neugeplant. Hier ist die Praxis von Susanne Kellner untergebracht – auf einer Fläche von weniger als 30 Quadratmetern ein kleines Raumwunder. „Wir haben jeden Winkel ausgenutzt“, betont Hennemann. Zwischen Empfangs- und Behandlungsraum wurde die Wand teilweise geöffnet, die alten Holzbalken vermitteln einen heimeligen Charakter – ebenso wie die freigelegte Bruchsteinwand an der rückwärtigen Seite. Auf kleinstem Raum – und dennoch geräumig – wurden zwei Sanitärräume realisiert.

„Beim Innenausbau ist uns die Denkmalschutzbehörde sehr entgegengekommen“, betont Hennemann die gute Zusammenarbeit sowohl mit der Landesdenkmalpflege als auch mit dem Kreisbauamt und der Unteren Denkmalschutzbehörde in Heppenheim. Denn neben deren Auflagen mussten auch jene des Gesundheitsamtes für Praxisräume eingehalten werden. Aus Hygienegründen darf dort etwa kein Dielenboden liegen. Für den Vinylboden in Holzoptik gab die Denkmalschutzbehörde letztlich nach anfänglichen Bedenken ihr Okay. Für den Einbau der neuen Fenster erhielten die Kellners sogar eine finanzielle Förderung des Landesdenkmalamts als Zuschuss in Form einer Einmalzahlung. Die oberen Stockwerke haben die Bauherren und ihre Architektin in eine außergewöhnliche Mietwohnung mit viel Charme verwandelt. Rustikale Fachwerk- Optik trifft hier auf geradlinige, moderne Ausstattung. Auf zwei Ebenen verteilen sich die knapp 60 Quadratmeter.


Das Haus an der Stadtmühle vor der Sanierung. | Bild: Bettina Hennemann
Das Haus an der Stadtmühle vor der Sanierung.
| Bild: Bettina Hennemann
Das Dachgeschoss, wo sich Küche und Wohnraum befinden, hat durch die Öffnung des Spitzbodens Studiocharakter. „Das war ein großer Wunsch“, für den extra ein Stahlträger eingezogen werden musste, erklärt Hennemann. Viel Licht fällt dadurch in den großzügigen Raum und lässt die mit weißer Kalkfarbe gestrichenen Wände und das alte Holz der Balken noch besser zur Geltung kommen. Eine Liebhaber-Wohnung, für die die Kellners erwartungsgemäß schnell einen Mieter gefunden haben. Tim Nowotny, Geschäftsführer des Restaurants „Villa Lacus“ am Badesee, ist begeistert von seinem neuen privaten Domizil.

„Es lief alles sehr positiv“, sagt Susanne Kellner zusammenfassend über den einjährigen Bauprozess, der gleichzeitig aber auch ein Entwicklungsprozess war, in dem so manches Mal die Geduld der Bauherren auf die Probe gestellt wurde. Die Kellners entschieden sich aber, nichts übers Knie zu brechen. „Lieber richtig und substanziell“, lautete die Devise. Auch wenn es an der einen oder anderen Stelle dann mal länger dauerte als geplant.

So sah es während der Sanierung im Obergeschoss aus. | Bild: Guido Kellner
So sah es während der Sanierung im Obergeschoss aus. | Bild: Guido Kellner
Oder etwas Unvorhergesehenes auftauchte, wie etwa die historischen Wanddekore sowohl im Erd- als auch im Obergeschoss. In beiden Räumen wurde ein Teil der mit Walzen bedruckten und bemalten Wandfläche erhalten – im Empfangszimmer der Praxis wirkt die alte, restaurierte Wandverzierung – hinter Glas und von einem Rahmen eingefasst – fast wie ein modernes Kunstwerk.

Erst anfreunden mussten sich Susanne Kellner und ihr Mann zunächst mit den Farben für die Außenfassade, bei denen sich die Denkmalschutzbehörde durchgesetzt hat. Die Heilpraktikerin hätte kühle Grau- und Blautöne bevorzugt, der Denkmalschutz sah dagegen Rot: Das Fachwerk sollte ganz klassisch im Farbton Ochsenblut gestrichen werden. „Sie werden am Ende glücklich sein“, versprach Architektin Bettina Hennemann den zweifelnden Bauherren. „Und sie hatte recht“, sagt Susanne Kellner rückblickend und strahlt. Die Farben ihres Praxislogos hat die Schmerztherapeutin sogar mittlerweile an die Farben des Hauses angepasst.

Eines von 550 Bensheimer Kulturdenkmälern
Eines von 550 Bensheimer Kulturdenkmälern
Am 17. September 2018 empfing Susanne Kellner den ersten Patienten in ihrer neuen Praxis. Eine Punktlandung – am Tag zuvor hatten Handwerker und Architektin noch letzte Arbeiten erledigt. Jetzt fühlt sie sich rundum wohl in ihren neuen Räumen – ebenso wie ihre Patienten, wie sie betont. Und auch von Passanten werde sie immer wieder auf die gelungene Sanierung des stadtbildprägenden Hauses angesprochen, erzählt Kellner.

Mit Bettina Hennemann besteht auch nach der Fertigstellung des Gebäudes immer noch ein reger Kontakt: „Erst fremde Menschen, dann Bauherren – und am Ende Freunde“, sagt die Architektin lächelnd.

Echte Schmuckstücke

Das Landesamt für Denkmalpflege hat für Bensheim insgesamt mehr als 550 Kulturdenkmäler verzeichnet, die unter Denkmalschutz stehen. Das um 1600 erbaute Fachwerkhaus An der Stadtmühle 4 ist eines davon.

Das älteste Fachwerkhaus Bensheims ist der Walderdorffer Hof in der Obergasse. Es wurde im Jahr 1395 fertiggestellt.

Die Liste der Kulturdenkmäler ist vielfältig: Von Schloss Auerbach über die Metzendorf-Villen bis hin zum Bahnhofsgebäude oder der 1958 erbauten Kirche Heilig Kreuz.
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