Sonderveröffentlichung
Themenspecial Stadtmagazin Bensheim

Ausgeprägter Spieldrang

Am 16. März erhält der Schauspieler André Jung aus Luxemburg im Bensheimer Parktheater den Eysoldt-Preis 2018. Im Interview spricht er über Regisseure, Lieblingsrollen und seine frühe Leidenschaft für das Theater.

Text: Thomas Tritsch 

Der Schauspieler André Jung (65) wird mit dem Gertrud-Eysoldt-Ring 2018 ausgezeichnet. Damit geht die mit 10000 Euro dotierte Ehrung erstmals an einen Luxemburger. Die Stadt Bensheim und die Deutsche Akademie der Darstellenden Künste werden Jung am 16. März im Parktheater begrüßen.

Der Eysoldt-Ring gilt als einer der bedeutendsten Theaterpreise im deutschsprachigen Raum. Jung wird für seine besondere Leistung als Erzähler in Werner Düggelins Inszenierung von Georg Büchners „Lenz“ am Schauspielhaus Zürich/ Schiffbau geehrt. Er sei einer „der feinsinnigsten, radikalsten und erstaunlichsten Bühnenkünstler unserer Zeit“, so die Jury, die auch Jungs Gesamtleistung hervorhebt: „Er ist ein Zauberer des Wortes und der Gesten, ein Meister der Unmittelbarkeit. Er kennt keinerlei Eitelkeit, ist immer Spieler und Jongleur, aber auch Wanderer am Abgrund.“ Das Bensheimer Stadtmagazin „erwischte“ den hoch sympathischen und scheinbar tiefenentspannten Schauspieler während einer Probenpause in Hamburg, wo er am Deutschen Schauspielhaus in „Die Übriggebliebenen“ nach Thomas Bernhard spielt. Regisseurin Karin Henkel hat aus den Texten „Vor dem Ruhestand“, „Ritter, Dene, Voss“ und „Auslöschung“ ein neues, thematisch verwobenes Stück gebaut. Premiere ist jetzt am 16. Februar.

Herr Jung, wann und wo haben Sie denn erfahren, dass Sie mit dem Eysoldt-Ring ausgezeichnet werden?

André Jung: Ich war zufällig in München und hatte früh morgens die Nachricht erhalten. Ich dachte: Kaum bin ich mal wieder in München und schon beginnt das Leben wieder (lacht).

„Eine Figur zu erfinden, hat für mich sehr viel mit Körper zu tun. Die Physis denkt sozusagen mit.“

Von 2004 bis 2015 waren sie im Ensemble der Münchner Kammerspiele. Davor im Schauspielhaus Zürich, wo der „Lenz“ aufgeführt wurde. Hat Sie die Inszenierung von Düggelin vom Fleck weg interessiert? Preismäßig hat sich die Rückkehr ja gelohnt…

André Jung: Ja, das hat mich sogar sehr interessiert, weil ich den Stoff gut kenne und Düggelin ja ein langjähriger Weggefährte ist. Seit über 25 Jahren arbeiten wir regelmäßig zusammen. Er ist inzwischen 89 Jahre alt, und trotzdem ist es jedes Mal unheimlich spannend, mit ihm zu arbeiten, weil er sehr auf Reduktion geht. Die Vereinfachung, Komprimierung ist eine Facette in der Schauspielerei, die mich sehr beschäftigt.

Ausgeprägter Spieldrang Image 1
Diesen Minimalismus sagt man Ihnen ja allgemein nach. Dass Sie Ihre darstellerischen Mittel sparsam einsetzen und dennoch sehr tief in Ihr Inneres blicken lassen. Wie nähern Sie sich einer Figur, einer Rolle an, um deren Essenz zu fassen?

André Jung: Das ist jedes Mal etwas anders, und ich muss es immer wieder neu herausfinden. Natürlich hängt das auch von der Zusammenarbeit mit dem jeweiligen Regisseur ab. Theatermittel müssen dosiert eingesetzt werden. Es hat mich immer interessiert, etwas unaufwändiger zu machen. Eine Figur zu erfinden, hat für mich außerdem sehr viel mit Körper zu tun, der sehr viel mehr offenbart, als man gemeinhin glaubt. Die Physis denkt sozusagen mit. Manche Dinge treten in diesem Prozess in den Hintergrund, andere kristallisieren sich als wichtig heraus. Ich schwebe sehr lange in ziemlicher Höhe über dem Text. Das ist ein Bild, dass es, denke ich, sehr gut trifft. Irgendwann entdecke ich etwas – und stoße dann zu wie ein Falke, wenn man so will.

Woran orientieren Sie sich eher? Am Text, am Stil oder doch auch an der Biografie eines Autors oder sogar der Rezeption eines Stücks?

André Jung: Am Thema. So kann ich mir auch nur erklären, dass ich bis zu meinem 40. Lebensjahr an Tschechow keinerlei Interesse hatte. Ähnlich ging es mir mit Beckett. Es ist weniger die intellektuelle Analyse eines Textes, die mich interessiert. Es geht um etwas anderes, um Instinkte, die irgendwann erscheinen und etwas auslösen.

Ausgeprägter Spieldrang Image 2
Wie würden Sie die Beziehung mit dem Schweizer Regisseur und Musiker Christoph Marthaler charakterisieren? Sie gehörten jahrelang zu seinen Leib- und Magenschauspielern.

André Jung: Das ist lustig, ich habe gerade vorgestern Abend mit ihm gegessen. Ich habe ihn 1979 in Basel kennengelernt. Er kam zu einer Premiere und wir waren uns auf Anhieb sympathisch. Marthaler war gerade von der Theaterschule Lecoq in Paris zurück und hat noch gar nicht als Regisseur gearbeitet. Ein Mensch, der mich sehr eingenommen hat.

Wenn man auf Ihre Rollen blickt, drängt sich die Frage auf: Haben Sie ein Faible für die Außenseiter, die Vergessenen, die Abgehängten der Gesellschaft?

André Jung: Das sind ja auch die spannendsten. Joseph Roths „Hiob“ zum Beispiel (Anmerkung der Redaktion: Jung spielte in Johan Simons’ Inszenierung an den Kammerspielen), das sind Menschen mit Fleisch und Blut, die alles erlebt und gesehen haben.

Manche Schauspieler wollen die ganze Welt, Leben und Tod, Liebe und Leid, auf der Bühne konzentrieren. Nehmen Sie auch diesen Panoramablick ein?

André Jung: Ich finde das ganz furchtbar, wenn Theater die Welt erklärt oder erklären will. Es gibt Werke, die das tun. Aber ich als Schauspieler in einer Rolle sollte davon Abstand nehmen. Es wäre anmaßend, dies zu verfolgen. Nein, ich habe einen ziemlich ausgeprägten Spieldrang. Gepaart mit Menschenkenntnis und Entdeckerlust ergibt das eine gute Mischung, denke ich.

Haben Sie diesen Spieltrieb schon früh entdeckt?

André Jung: Ich bin mit zwölf Jahren ins Theater gegangen und habe mir dort gern deutsche Stücke angeschaut. Die Theatersprache lag mir näher als die französische Art zu Spielen. Ich verstand sie besser, allein schon sprachlich. Mit 17 stand meine Entscheidung fest, Schauspieler zu werden. 1973 begann ich an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Stuttgart. Eine Nachbarin fragte mich, wie ich das meinem Vater antun könne. Er wurde vom deutschen Militär zwangseingezogen, kam aber lebend wieder nach Hause. Ich hatte etwas Angst, ich verletze ihn, wenn ich nach Deutschland gehe. Aber er sagte nur: Goethe war kein Nazi. Er hat meine Berufswahl unterstützt. Darüber bin ich bis heute glücklich.

Sie wollten zuerst Tierarzt werden…

André Jung: Das stimmt. Wahrscheinlich, weil ich vom Lande kam und einen Bezug zu Tieren hatte. Meine Großmutter war Bäuerin, auf dem Hof habe ich meine Freizeit verbracht.

Und dort leben Sie bis heute.

André Jung: Ich bin im Nachbarhaus aufgewachsen. Das Haus der Oma aus dem Jahr 1700 habe ich als eine Art Familienmittelpunkt hergerichtet. Jeder hat einen Schlüssel, und manchmal kommen wir dort alle zusammen.

Und Sie kochen?

André Jung: Meistens, ja.

Sind Sie auch in der Küche ein Freund des Reduzierten?

André Jung: Nein, da bin ich überhaupt nicht festgelegt. Wenn ich nach Luxemburg komme, melden sich ohnehin die Aromen der Kindheit wieder. Zum Beispiel Kniddelen, also Knödel, oder Kuddelfleck. Und das mache ich dann dort. Das wurde bei uns früher gegessen. Die Geschmäcker von damals, die man nie vergisst.

Bei der Verleihung des Eysoldt-Rings halten die Preisträger jedes Jahr eine mehr oder weniger lange Dankesrede. Wissen Sie schon, was Sie sagen werden?

André Jung: Aha, das wusste ich noch gar nicht. Jedenfalls bin ich kein Freund von langen Reden.

Wie war es denn 2009 beim Nestroy-Preis?

André Jung: Da habe ich, glaube ich, drei Sätze gesagt (überlegt kurz), aber ich werde sicher in Bensheim mindestens sechs Sätze sagen.

Datenschutz