Sonderveröffentlichung
Themenspecial Stadtmagazin Bensheim

Der Richter aus dem Rheingau

Seit September 2015 leitet Felix Kunkel das Amtsgericht in Bensheim. Der promovierte Volljurist wohnt in Eltville und nimmt die tägliche Anfahrt an die Bergstraße gerne in Kauf.

Seit 2015 leitet Felix Kunkel das Amtsgericht in Bensheim. Bild: Thomas Zelinger  

3.07.2020
Ich bin überzeugter Rheingauer“, gibt Felix Kunkel gleich zu Beginn unumwunden zu und beweist damit eine gehörige Portion Mut. Schließlich sind die Bergsträßer felsenfest davon überzeugt, dass es sich nirgendwo so angenehm leben und arbeiten lässt wie im südlichen Zipfel von Hessen. Wenn man also seit nunmehr fünf Jahren das Amt des Amtsgerichtsdirektors in Bensheim innehat, den Job obendrein „total schön“ findet, weil man „organisieren, Menschen zusammenbringen und gleichzeitig Richter sein kann“ – und zudem fünf Mal die Woche jeweils knapp eine Stunde Autofahrt vom Wohnort Eltville nach Bensheim in Kauf nimmt –, dann muss man schon eine gehörige Portion Heimatverbundenheit mitbringen. Überhaupt sind die Rheingauer und Bergsträßer gar nicht so verschieden: Beide Spezies wissen gutes Essen und ein feines Tröpfchen zu schätzen und lieben die Geselligkeit.

Felix Kunkel ist gebürtiger Eltviller, der mit seiner Ehefrau und den beiden Kindern bis heute in dem beschaulichen Ort am Rhein wohnt, in dem sein älterer Bruder Bürgermeister ist. Der promovierte Volljurist ist aber nicht nur bekennender Rheingauer, sondern auch Frankreich-Fan. „Schließlich habe ich bei einem Auslandssemester in Nancy meine spätere Frau kennengelernt“, nennt er lächelnd den wichtigsten von mehreren triftigen Gründen für seine Liebe zum Nachbarland. Ihre Urlaube verbringt die Familie dort regelmäßig am Meer.
      
GGEW
Die Begeisterung für Land und Leute begleitet Felix Kunkel seit seiner Jugend. Auf dem Gymnasium in Wiesbaden belegte er Französisch als erste Fremdsprache, nach Abitur, Bundeswehrzeit und seinen ersten Uni-Semestern in Jura und Fachspezifischen Fremdsprachen in Trier absolvierte er ein Auslandssemester in Nancy. In Trier machte er sein erstes Staatsexamen und promovierte, sein Referendariat absolvierte er vor dem zweiten Staatsexamen beim Landgericht Wiesbaden.

„Ursprünglich wollte ich Journalist werden oder Geschichte studieren“, verrät der Direktor. Die „reine Vernunft“ mit Blick auf seine Zukunft habe ihn zum Juristen gemacht – „und das ist gut so und total spannend“. 2004 hatte er je eine halbe Richterstelle an den Amtsgerichten Wiesbaden und Offenbach inne, wenig später wechselte Felix Kunkel ins Justizministerium, wo er anschließend vier Jahre als Baureferent sämtliche Baumaßnahmen an hessischen Justizgebäuden und Justizvollzugsanstalten betreute und für Grundsanierungen und Mängelbeseitigungen zuständig war: „Auf diese Weise habe ich Hessen und die Mehrzahl von 75 Gerichten kennengelernt.“ Dass dies keine einfache Zeit war, verschweigt der Amtsgerichtsdirektor nicht. Manch kleine Gerichte wurden dicht gemacht, andere zusammengelegt. „Wir haben versucht, aus der Not eine Tugend zu machen und Struktur zu schaffen.“
     

„Es gab viele tolle Erlebnisse, aber auch schlaflose Nächte.“


Nächste Station Kunkels war das Amtsgericht Darmstadt, wo er zwei Jahre lang als „Aufsichtsführender Richter“ unter anderem Verwaltungstätigkeiten ausübte. 2015 führte ihn sein beruflicher Weg nach Bensheim. Seit dem 1. September ist er dort Direktor am Amtsgericht. Dass ihm Teamgeist besonders wichtig ist, hat der 45-Jährige schon bei seiner Amtseinführung deutlich gemacht. Genauso liegt ihm die Grundsanierung des historischen Gebäudes am Herzen, die er in Zusammenarbeit mit dem Denkmalschutz Schritt für Schritt umsetzt. Mittlerweile entwickeln die freigelegten Holzfußböden in den Gerichtsfluren wieder ihren alten Charme, die in die Jahre gekommene Bestuhlung, Teile der Möblierung in den Sitzungssälen wurden ausgetauscht, ein Kinderzimmer eingerichtet. Aus Sicherheitsgründen ließ Kunkel das Familiengericht vom Anbau in das Hauptgebäude verlegen. Arbeitsabläufe konnten so vereinfacht und ein zusätzlicher Raum gewonnen werden. Eine weitere Herausforderung ist die Verbesserung der Akustik im großen Sitzungssaal. „Wir haben gemeinsam Pläne für die nächsten drei bis vier Jahre entwickelt. Zunächst aber sollen nach der Modernisierung der öffentlichen Bereiche die Mitarbeiterbüros hergerichtet werden. Es ist wichtig, dass das Personal gute Arbeitsbedingungen vorfindet“, betont der Direktor.
       

Und wie hat die Corona-Pandemie die Arbeit von Richtern und Justizangestellten verändert beziehungsweise beeinträchtigt? „Die Justiz muss für die Bürger immer erreichbar sein. Deshalb konnten wir nicht schließen. Dringende Haft-, eilige Kinderschutzsachen und Unterbringungen dulden keinen Aufschub“, sagt Kunkel. Veränderungen gab es sehr wohl. Etliche Mitarbeiter erledigten ihre Arbeit im Home Office, Einzelbüros wurden eingerichtet: „Viele Ideen, wie man mit der neuen Situation umgehen kann, kamen aus der Belegschaft.“ Der kleine Sitzungssaal wurde komplett geschlossen, Besucherzahlen stark eingeschränkt, Sicherheitsmaßnahmen und Abstandsregelungen eingeführt. Am Eingang weist ein Schild darauf hin, dass das Tragen von Mund- und Atemschutzmasken empfohlen wird. „Ich bin sehr gern Direktor am Amtsgericht Bensheim“, versichert Felix Kunkel, „es gab schon viele tolle Erlebnisse, aber auch schlaflose Nächte.“  Von Gerlinde Scharf  
     

Fragebogen

Amtsgerichtsdirektor Felix Kunkel an seinem Schreibtisch in Bensheim. Bild: Thomas Zelinger
Amtsgerichtsdirektor Felix Kunkel an seinem Schreibtisch in Bensheim. Bild: Thomas Zelinger
Was ist für Sie das größte Unglück?
Krieg und Terrorismus

Was ist für Sie das vollkommene Glück?
Persönlich: Familienradtour am Rhein.

Welche Fehler entschuldigen Sie am ehesten?
Unüberlegte spontane Äußerungen.

Ihre Lieblingstugend?
Geduld und Loyalität.

Was verabscheuen Sie am meisten?
Rassismus und Antisemitismus.

Ihre Lieblingsgestalt in der Geschichte?
Oskar Schindler.

Ihre Lieblingshelden?
Asterix und Obelix.

Ihre Lieblingsschauspieler?
Margaret Rutherford, Sean Connery, Daniel Auteuil.

Ihr Lieblingsschriftsteller?
Franz Werfel.

Ihre liebsten Romanhelden?
Jane Eyre, Edmond Dantes (auch wenn er die Justiz selbst in die Hand nimmt, was ich nicht toleriere) und Stephan Bagradian.

Ihre Lieblingsmaler?
Van Gogh, Michael Apitz.

Ihr Lieblingskomponist?
Wolfgang Amadeus Mozart.

Ihre Lieblingsbeschäftigungen?
Lesen und Wandern.

Wer oder was hätten Sie sein mögen?
Ich möchte nichts verändern.

Ihr Hauptcharakterzug?
Nicht nachtragend zu sein.

Ihr größter Fehler?
Urlaub immer an denselben Orten.

Welche natürliche Gabe möchten Sie besitzen?
Fliegen, allerdings bin ich etwas schwindelig.

Was schätzen Sie bei Ihren Freunden am meisten?
Ehrlichkeit. Welchen Sport treiben Sie? Rudern, Schwimmen, Laufen.

Ihre Lieblingsblume?
Rose.

Ihr Lieblingsgericht – von wem gekocht?
Pizza und Paella, zusammen gekocht von der ganzen Familie.

Ihr liebstes Spielzeug als Kind?
Mein Piratenschiff.

Worüber haben Sie sich zuletzt besonders geärgert?
Rassismus, von dem ich dachte, dass es ihn so nicht mehr geben kann.

Und worüber besonders gefreut?
Deutschland konnte in der Coronakrise Patienten aus anderen Ländern helfen.

Welche berühmte Persönlichkeit würden Sie gerne einmal treffen?
Johann Wolfgang von Goethe.

Sie dürfen eine Zeitreise antreten – wohin geht’s?
Zu einer von Mozart persönlich dirigierten Oper.

Ihr Bensheimer Lieblingsplatz?
Es gibt viele, höbe ich einen hervor, machte ich Werbung für ein Restaurant.

Ihr Wunsch für Bensheim?
Eigenes Kfz-Kennzeichen.

Was würden Sie in Bensheim ändern?
Es ist schön, wie es ist!

Ihr Motto?
In der Ruhe liegt die Kraft.