Sonderveröffentlichung
Themenspecial Stadtmagazin Bensheim

Die Rampe ins Glück

Für Wanderer und Mountainbiker ist der Melibokus ein beliebtes Ziel – für Drachenflieger ein beliebter Startpunkt. Dort heben erfahrene Piloten mit ihren Hängegleitern ab und schweben in die Rheinebene. Thomas Jetter und Anja Fasmers berichten von einem außergewöhnlichen Hobby, das „happy“ macht.       


Gemeinsam abheben


Der erste Odenwälder Drachen- und Gleitschirmflieger Club wurde 1975 gegründet. Der Melibokus ist das einzige Fluggebiet des Vereins an der Bergstraße und ist nur für Drachenflieger – auch Hängegleiter genannt – zugelassen.

Geländereferent für den Melibokus ist Thomas Jetter. Er ist Ansprechpartner, wenn es um Informationen rund um das Fluggelände geht.

Einmal im Monat treffen sich die Piloten zum Fliegertreff in Lindenfels. Interessierte und Gäste sind willkommen.

Weitere Infos: www.ersterodc.de
                  
Die Startrampe am Melibokus wurde 1999 gebaut. Wenn der Wind stimmt, heben hier regelmäßig Drachenflieger ab. Anja Fasmers ist eine begeisterte Hängegleiter-Pilotin. | Bild: Thomas Neu
Die Startrampe am Melibokus wurde 1999 gebaut. Wenn der Wind stimmt, heben hier regelmäßig Drachenflieger ab. Anja Fasmers ist eine begeisterte Hängegleiter-Pilotin. | Bild: Thomas Neu
Das ist wie eine Dusche von innen“, sagt Anja Fasmers mit einem Glänzen in den Augen. Losrennen, abheben und über allem schweben, was die Welt schwer und kompliziert macht. Ganz alleine im und mit dem Wind gleitend, die Hektik des Alltags unter sich lassend. „Das ist die Art des Fliegens, die dem Vogelflug am nächsten kommt. Sehr organisch“, ergänzt Thomas Jetter. Beide gehören zur Familie der Drachenflieger, die regelmäßig vom Melibokus aus in die Luft gehen.

Der Aufstieg ist kein Pappenstiel. 517 Meter hoch liegt der Melibokus, die höchste Erhebung der hessischen Bergstraße. Mit schwerem Gepäck fahren die Mitglieder des 1. Odenwälder Drachen- und Gleitschirmflieger- Clubs (ODC) hinauf. Von hier aus dürfen nur sogenannte Hängegleiter starten, keine Gleitschirme.

Die Rampe wurde vom Verein 1999 gebaut. Die Rampe ins Glück. Steil und anspruchsvoll, und nicht nur fliegerischen Laien ein respektvolles Staunen abzwingend. Jetter spricht von einem gewissen „Absaufrisiko“. Wenn der Start nicht optimal ist, wenn Thermik und Wind falsch eingeschätzt werden, kann es ein kurzer Trip werden. Denn Abbrüche in letzter Sekunde gibt es nicht. Wenn man einmal losrennt, gibt es kein Zurück.

„Das ist die Art des Fliegens, die dem Vogelflug am nächsten kommt“, sagt Thomas Jetter.

Richtig ist: Kräftiger Anlauf, Tempo aufnehmen, Gerät stabilisieren und die Nase des Drachens im idealen Winkel halten. Rückenwinde sind ein No-Go. Kleine Seitenwinde sind ok. Die exponierte Lage der Rampe gilt in der Szene als Alleinstellungsmerkmal. Wer Melibokus kann, schafft eigentlich alles. „Wir beobachten ständig Bäume und Windsack“, so Jetter, der in Mainz lebt und beruflich nach Darmstadt pendelt.

Anja Fasmers lebt in Seeheim und arbeitet als Sozialpädagogin beim Bildungswerk der Hessischen Wirtschaft in Bensheim. „Man muss beherzt und entschlossen starten“, so die erfahrene Drachenfliegerin, die bei Windgeschwindigkeiten bis etwa 120 Stundenkilometern abhebt. Wenn es heftiger wird, bricht sie ab. Vor 20 Jahren hat sie den ersten Drachen gesteuert. Seither ist sie süchtig. Nach dem besonderen Moment, wenn man der Anziehungskraft davonfliegt und eins mit seinem Körper wird.
                   
Wenn Thomas Jetter vom Melibokus abhebt, läuft immer die Kamera mit (Bild links). Fantastische Ausblicke auf die Bergstraße gibt’s inklusive. Im Bild rechts: Vereinskollege Thomas Dengler auf der Rampe kurz vor dem Start. | Bilder: Thomas Jetter, Thomas Neu
Wenn Thomas Jetter vom Melibokus abhebt, läuft immer die Kamera mit (Bild links). Fantastische Ausblicke auf die Bergstraße gibt’s inklusive. Im Bild rechts: Vereinskollege Thomas Dengler auf der Rampe kurz vor dem Start. | Bilder: Thomas Jetter, Thomas Neu
Drachenflieger gelten als spezielles Völkchen. Reisende Individualisten, die sich gegenseitig helfen. Unterschiedliche Charaktere, die eine Sehnsucht nach Höhe und Freiheit verbindet und auf eine magische Weise auch gleichmacht. Thomas Jetter, ein Entwickler von medizinischen Geräten, lobt die familiäre Atmosphäre, die schon beim Hinauffahren auf den Melibokus über den Aufbau der Fluggeräte und dem Moment des Startens bis zum Landebierchen auf der Wiese zwischen Zwingenberg und Alsbach reicht. Der Verein verfügt über sechs durchnummerierte, flexible Auffahrtsgenehmigungen, die weder an Fahrzeuge noch an einzelne Personen gebunden sind.

Die Höhendifferenz zur Startrampe beträgt 414 Meter. Die meisten landen in Sichtweite des nördlichen Bergsträßer Hausbergs. Einige Cracks fliegen ein paar Meter weiter. Zum Beispiel nach Tschechien. Circa 350 Kilometer. Bisheriger Rekord. Distanzflüge sind eine besondere Spezialität. Bei den allermeisten Drachenfliegern entscheidet aber ein ganz bestimmtes Kriterium, wie lange man gleitet: „Die Blase“, betont Anja Fasmers. Durchschnittlich bleibt man zwei Stunden oben. Einige mehr als doppelt so lange.                             

„Klar, es ist ein wenig Aufwand, doch der Flug entschädigt für alles“, findet Anja Fasmers.

Das braucht nicht nur Blasenvolumen, sondern auch Muskelkraft. Die horizontale Lage des Körpers unter den Tragflächen ist auf Dauer recht anstrengend. Aber noch eine andere Blase ist für das Drachenfliegen enorm wichtig: die thermische. Eine Thermikblase ist aufsteigende Luft in Tropfenform, die pilzartig nach oben strömt. Weil auch Vögel sie suchen, orientieren sich die abhebenden Zweibeiner ebenfalls an diesen heiß begehrten Aufwinden. „Das Gefühl, wenn man gemeinsam mit Vögeln in einem Bart kreist, ist nicht zu überbieten“, so Anja Fasmers, für die der wahre Kick des Drachenfliegens im „Luxus der Höhe“ liegt. Ein „Bart“ ist ein anderes Wort für Thermikblase oder Thermikschlauch.

Der Meli, wie er von den einheimischen Piloten gerne genannt wird, bietet durch seine Thermik beste Voraussetzungen für Streckenpiloten. In südliche Richtung kann man leicht die Bergstraße entlang fliegen, aber ebenso in den hinteren Odenwald oder in die Rheinebene hinein. Der Berg ist als A-Schein- Gelände eingestuft. Die Startrampe wurde 2014 umfassend überholt. Der Melibokus wird auch als Schulungsgelände genutzt. Fliegen darf man übrigens ab 16 Jahren. Im vergangenen Jahr wurden dort etwa 150 Starts dokumentiert.
                                     
Thomas Dengler bereitet sich auf seinen Start vor. | Bild: Thomas Neu
Thomas Dengler bereitet sich auf seinen Start vor. | Bild: Thomas Neu
2000 Meter sind eine gute Höhe. Höher als 3300 Meter ist tabu. Hier beginnt ein anderer Luftraum. Beim Fliegen sind die Bewegungsräume nicht neben-, sondern übereinander aufgeteilt. Jeder Pilot hat ein Variometer, das Höhe, Steigung, Geschwindigkeit über Grund, Windrichtung und -geschwindigkeit angibt und ganze Flüge aufzeichnen kann.

Bei Thomas Jetter läuft immer die Kamera mit. „Die Landung ist die größere Herausforderung“, so der Geländereferent für Hängegleiter am Melibokus, der dort unter anderem für Infos über Gelände, Auffahrten, Arbeitseinsätze sowie für die Start- und Landeplatzpflege zuständig ist. Zweimal jährlich reinigen die Überflieger das Areal von Müll. Man sorgt gut für seine natürliche Startrampe.

Gleich unterhalb des Melibokusturms befindet sich die Vorbereitungszone. Aus Platzgründen können maximal acht bis zehn Drachen in diesem Bereich aufgebaut werden. Anja Fasmers’ Vogel ist 5,20 Meter groß und wiegt 27 Kilo. Plus acht Kilo Gurtzeug. Es gibt verschiedene Modelle und Größen. Die meisten Drachen sind aus Dacron, einer Faser aus Polyethylenterephthalat. Leichter auszusprechen ist Technora, das in der Szene als modernes Segelmaterial mit noch besseren Eigenschaften gilt.

„Der Melibokus ist Luxus“, betont Thomas Jetter. Für ähnliche Startberge müsse man sonst in die Alpen fahren. Die Bergstraße ist exzellentes Terrain für Drachenflieger. Als reiner Drachenberg genießt der Melibokus hohes Ansehen in der Fliegerfamilie, die das gleiche Schicksal teilt wie viele andere Disziplinen auch: es gibt wenig Nachwuchs. Der Verein bietet Einsteigern deshalb gern an, sich mit diesem besonderen Sport vertraut zu machen. Auch Tandemflüge sind möglich. „Klar, es ist ein wenig Aufwand, doch der Flug entschädigt für alles“, so Anja Fasmers, der die Begeisterung fürs Fliegen aus jeder Pore strahlt. Die nächste „innere Dusche“ wartet schon.

Text: Thomas Tritsch
  
Datenschutz