Sonderveröffentlichung
Themenspecial Stadtmagazin Bensheim

Digitale Zwillinge

Die Bensheimer Firma Framence, Anfang dieses Jahres gegründet, hat eine innovative Software entwickelt, mit der digitale fotorealistische Modelle von Gebäuden mit einfachen Panoramafotos erstellt werden können.       


Vom ersten Spatenstich bis zum letzten Dachziegel: Wenn ein Bauprojekt im Finale ist, lassen sich die einzelnen Stationen nur noch grobkörnig nachvollziehen. Die Bensheimer Firma Framence hat eine innovative Software entwickelt, die es ermöglicht, den kompletten Bauprozess zurückzublättern. Detailgenau, kostengünstig und in fotorealistischer Präzision.

Das Besondere: Die digitalen Zwillinge von Gebäuden und Anlagen werden mithilfe von einfachen Panoramafotos erstellt, die jeder selbst machen kann. Diese Hybrid-Modelle, wie sie vom Start-up genannt werden, können vorhandene Grundrisspläne und 3D-Modelle integrieren und bieten so die Chance, Baufortschritte zu überwachen. Auf der dokumentierten Zeitschiene kann man sich schnell und einfach in beide Richtungen bewegen. „Ohne teure Hardware oder speziell geschultes Personal“, so Geschäftsführer Adrian Merkel. Und er relativiert: „Wir sind kein klassisches Startup, sondern eines mit Erfahrung.“

„Wir sind kein klassisches Start-up, sondern eines mit Erfahrung“, so Geschäftsführer Adrian Merkel.

Framence ist aus dem Bensheimer Immobiliendienstleister Speedikon hervorgegangen, das er mit seinem Vater Peter Merkel betreibt. 2009 kam die auf Energiemanagement spezialisierte Schwestergesellschaft Wiritec hinzu. Anfang dieses Jahres entstand die Idee zur Gründung der dritten Firma im Merkel-Portfolio. Schon seit knapp drei Jahren kreist über dem Vater-Sohn-Gespann die spannende Frage, inwieweit man neue Technologien wie Virtual Reality im Immobilien-Management einsetzen kann. Ihre Lösung benötigt nur drei Dinge: eine handelsübliche digitale Spiegelreflex-Kamera mit Fischaugen-Objektiv, ein intelligentes Programm und eine ganze Menge Mathematik. Die Software liefern die Bensheimer selbst. Bei diesem System werden mehrere Bilder aus verschiedenen Perspektiven geschossen und zu einem fotorealistischen Gesamtbild zusammengebaut, in dem man sich räumlich in alle Richtungen bewegen kann, so der 36-Jährige, der unter anderem Betriebswirtschaft sowie Politik- und Wirtschaftswissenschaften studiert hat. Der Vater ist Bauingenieur.
                   
Digitale Zwillinge Image 1
Mit fünf Entwicklern hat das Unternehmen mit Sitz am Berliner Ring rund ein Dreivierteljahr an dem System gearbeitet. Vom Bedarf sind die Merkels überzeugt: Denn es sind die klassischen Nöte der Immobilienkunden, die sie mit ihrem Konzept bedienen. Die digitale Erfassung einer Immobilie und die Übersetzung in räumliche Dokumentationen gibt es schon lange, doch die Umsetzung ist aufwendig, zeitintensiv und teuer. Bislang werden dafür 3D-Laserscanner verwendet. Am Ende muss in mühevoller Handarbeit aus einer Punktwolke der digitale Zwilling erstellt werden. In der Branche nennt sich das Procedere „Building Information Modeling“ oder kurz BIM. Viele Immobilien-Manager und Gebäudebetreiber schreckt der Aufwand ab. Außerdem seien rund 90 Prozent der Immobilien in Deutschland im Bestand. Das heißt: es gibt kein BIM-Modell. Im Gegensatz zum Laser-Verfahren kann das Modell beim Framence-System regelmäßig und einfach aktualisiert werden. Das bietet enorme Vorteile. Zum Beispiel bei Um- und Ausbauten, energetischen Sanierungen oder anderen Eingriffen am offenen Herzen jedweder Architektur.

Der Nutzer kann bauliche Anlagen jederzeit digital begehen. Im Brandfall etwa kann sich die Feuerwehr vorab mit den Details vertraut machen und in dem fotorealistischen Hybrid-Modell am Computer oder mit einer VR-Brille einsehen, wo etwa bestimmte Leitungen entlanglaufen. Das erhöht die Sicherheit von Einsatzkräften, die sich schnell orientieren können, was sie vor Ort vorfinden – wo vielleicht riskante Güter lagern oder sonstige Gefahren lauern. Auch räumliche Abmessungen von einer Wand oder einem Objekt können in den Panoramafotos direkt vorgenommen werden. Durch die virtuelle Spiegelung eines realen Objekts sind maßgeschneiderte Instandhaltungsmaßnahmen möglich, so Adrian Merkel.
                           
Adrian Merkel (Bild) hat gemeinsam mit seinem Vater Peter Merkel Anfang des Jahres die Firma Framence gegründet. Bild: Thomas Zelinger
Adrian Merkel (Bild) hat gemeinsam mit seinem Vater Peter Merkel Anfang des Jahres die Firma Framence gegründet. Bild: Thomas Zelinger
Mithilfe einer Zeitschiene, die in der Software enthalten ist, können neben dem Ist-Zustand auch vergangene Zustände des Gebäudes oder der Anlage eingesehen werden. Dies ist besonders nützlich bei der Dokumentation von Baufortschritten oder Lebenszyklen. Baupläne lassen sich im Hybrid-Modell mit der tatsächlichen Ausführung abgleichen, auch kleine Veränderungen können genau dokumentiert werden. Die Informationen, die das Abgleichen der tatsächlichen Ausführung mit den Bauplänen liefert, können beispielsweise bei späteren Umbauten oder in Gewährleistungssituationen genutzt werden.

Jetzt hoffen die Entwickler von Framence, weitere Kunden in der Branche für ihre Idee zu begeistern. Ein wichtiges Referenzprojekt auf den ersten Metern der Firmenbiografie ist der Pharmariese Roche, der das Bensheimer System beim Bau eines neuen Gebäudes in Grenzach eingesetzt hat. Von der Baugrube bis zum Finale ist alles genau dokumentiert. „Dadurch ist ein virtueller Rückbau möglich“, erläutert Dr. Peter Merkel. Auch die Pharmazeutische Fabrik Dr. Reckeweg am Berliner Ring hat bei seinem Neubau auf das Knowhow aus der Nachbarschaft gesetzt.

Technologisch sei jetzt die Zeit gekommen, um solche Lösungen zum Kunden zu bringen, so die beiden Framence-Chefs. Durch hochauflösende Digitalkameras ist man heute in der Lage, neue Bilder mit vorhandenen Plänen in 2D oder 3D zu koppeln und präzise Hybrid-Modelle zu entwerfen, in denen man frei navigieren kann. In Zukunft könnte die manuelle Arbeit an den Modellen durch automatisierte Verfahren und Künstliche Intelligenz noch weiter reduziert werden. Die Bensheimer bleiben dran.

Text: Thomas Tritsch
  
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