Sonderveröffentlichung
Themenspecial Stadtmagazin Bensheim

Duell der Degen

Ein Besuch beim Training der Abteilung Fechten der SSG Bensheim: Die knapp 100 Mitglieder treten vor allem mit dem Degen gegeneinander an. Der jüngste Fechter ist sieben, der älteste über 60 Jahre alt.

Text: Eric Horn 

Theo fragt lieber noch mal nach. „Bekommt sie wirklich zwei Vorsprung?“ Walter Fendel nickt: „Anfänger-Anfänger kriegen zwei Treffer vor, Anfänger einen.“ Ein Stück hinter Theo steht Johanna. „Hab’ ich doch gesagt“, sagt die elfjährige Doppel- Anfängerin und macht sich bereit, das Gefecht wieder aufzunehmen. Theo (12) akzeptiert die Entscheidung, setzt seine Maske auf und folgt seiner Gegnerin zurück auf die Planche. Wer zuerst fünf Treffer setzt, gewinnt das Duell.

Walter Fendel, Trainer und Leiter der Abteilung Fechten innerhalb der SSG Bensheim, schmunzelt. Es ist nicht das einzige Mal an diesem Donnerstagabend, dass er den Status des „Vorsprungs-berechtigten“ Fechters klären muss. AA oder A ist eine häufig gestellte Frage während der Übungseinheit in der Sporthalle der Karl-Kübel-Schule. Das sogenannte Poolfechten steht auf dem Programm. Eine Art fortlaufende Clubmeisterschaft, bei der sich die SSG-Fechter regelmäßig im Training im Modus Jeder-gegen-Jeden im Wettkampf messen. Die Ergebnisse aller Pool-Abende werden zusammengefasst, am Ende des Jahres werden die Sieger bei Schülern, B- und A-Jugend, Junioren und Aktiven gekürt. „Das ist für alle das Highlight im Trainingsplan“, unterstreicht Fendel die Beliebtheit des Wettbewerbs, der je nach Altersstufe ein- bis zweimal pro Monat ausgetragen wird. Aber Poolfechten ist viel mehr als ein unterhaltsames Training. „Fechten lernt man am besten durch Fechten“, verweist Fendel auf die wichtigen praktischen Erfahrungen, die Anfänger wie Fortgeschrittene dabei sammeln. „Das ist durch nichts zu ersetzen.“

„Alle Helden in Filmen und Büchern fechten, das will man auch können!“

Derzeit umfasst die Fechtabteilung der SSG 100 Mitglieder, von denen 93 die Sportart – in unterschiedlicher Intensität – aktiv betreiben. Die Bandbreite reicht hierbei vom reinen Trainings- und Hobby-Athleten bis hin zu Startern bei Deutschen Meisterschaften. Der jüngste SSG-Fechter ist sieben Jahre alt, der älteste über 60.

Bei der SSG Bensheim kommt überwiegend der Degen zum Einsatz. Beim Degenfechten ist der gesamte Körper Trefferfläche – im Gegensatz zu Florett (Rumpf und Maskenlatz) und Säbel (Rumpf, Arme, Kopf). Der Degen hat durch die erfolgreiche Arbeit in der Sparte Moderner Fünfkampf Tradition im Verein. Neben Reiten, Schießen, Laufen und Schwimmen ist das Degenfechten Bestandteil der Vielseitigkeitsprüfung.

Max (l.) und Haomeng sind begeisterte Fechter bei der SSG Bensheim. Mit sieben Jahren ist Haomeng der derzeit jüngste Aktive in der Abteilung. / Bilder: Dietmar Funck, Thomas Neu
Max (l.) und Haomeng sind begeisterte Fechter bei der SSG Bensheim. Mit sieben Jahren ist Haomeng der derzeit jüngste Aktive in der Abteilung. / Bilder: Dietmar Funck, Thomas Neu
Die Fechter waren zunächst der Pentathlon-Sektion angeschlossen und gründeten 1981 ihre eigene Abteilung. Beide Disziplinen waren lange eng verknüpft bei der SSG. Moderne Fünfkämpfer starteten bei Fecht-Turnieren, Fechter waren beim Modernen Fünfkampf unterwegs.

So war Steffen Gebhardt ein herausragender Fünfkämpfer, dreimaliger Olympia-Teilnehmer (2004, 2008, 2012) und Mannschaftsweltmeister, der aber auch „nur“ mit dem Degen auf Landes- und Bundesebene mit dem SSG-Fechtteam vordere Platzierungen erreichte. Norbert Kühn war zweimal Deutscher Meister im Modernen Fünfkampf (1975 und 1978) und WM-Teilnehmer; als Senior-Fechter siegte er mehrfach bei Europa- und Weltmeisterschaften.

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Während der Moderne Fünfkampf bei der SSG inzwischen etwas in den Hintergrund gerutscht ist, sind die Degenfechter vor allem im Nachwuchsbereich erfolgreich. So landete etwa Thorben Wiesemann bei den Hessischen Meisterschaften, die im Vorjahr zum dritten Mal in Bensheim ausgetragen wurden, bei den B-Jugendlichen auf dem 3. Rang, bei den Deutschen Titelkämpfen erkämpfte der 13-Jährige die 6. Position.

Ohne Helm und Schutzkleidung geht beim Fechten nichts. / Bild: Thomas Neu
Ohne Helm und Schutzkleidung geht beim Fechten nichts. / Bild: Thomas Neu
Zwischendurch nehmen sich die Fechter immer wieder ein bisschen Zeit für den Mehrkampf: Friesen-Fünfkampf heißt eine Abwandlung des Modernen Fünfkampfs, bei der statt Reiten Kugelstoßen absolviert wird. Fendel: „Das ist eine schöne Abwechslung für uns.“ Beim hessischen Landesturnfest, das 2019 in Bensheim und Heppenheim stattfindet, werden Wettbewerbe im Friesenfünfkampf ausgetragen, an denen SSG’ler teilnehmen werden.

Zurück zum Poolfechten. Haomeng, mit sieben Jahren derzeit der jüngste Fechter, hat ein Problem mit den elektrischen Kontakten in seinem Degen, die elektronische Meldeanlage registriert keine Treffer. „Es geht nicht!“ Stecker werden ein- und ausgesteckt, Haomeng wird neu verkabelt. „Ich glaube, du brauchst eine andere Waffe“, sagt Walter Fendel. Für solche Fälle hat der Abteilungsleiter ein kleines Reservoir angelegt in der Materialgarage der Halle: Degen für Kinder (Länge der Stahlklinge 90 Zentimeter) und Erwachsene (Klingenlänge 100 Zentimeter), ein ganzes Sortiment von Bestandteilen der Schutzausrüstung und „das da“, sagt Fendel – und präsentiert ein paar Turnschuhe. Sportschuhe werden, weil zu Hause vergessen, oft nachgefragt im Training.

Walter Fendel leitet die Abteilung Fechten der SSG Bensheim und ist außerdem als Trainer im Einsatz. Der Nachwuchs hat Spaß an dem anspruchsvollen Sport. / Bilder: Dietmar Funck
Walter Fendel leitet die Abteilung Fechten der SSG Bensheim und ist außerdem als Trainer im Einsatz. Der Nachwuchs hat Spaß an dem anspruchsvollen Sport. / 
Bilder: Dietmar Funck
Die Fechtausrüstung ist nicht ganz billig. Rund 600 Euro kostet eine komplette Ausstattung inklusive Schutzmaske, Schutzanzug und Waffe, die sich jeder Sportler zulegen muss. „Wir schauen, dass wir im Nachwuchsbereich die Sachen gebraucht von den Größeren an die Kleineren weitergeben können“, erklärt Fendel. Eine Turnieranlage mit den nötigen Utensilien wie Melder, Kabel oder Fechtbahnen gehört zum Vereinsequipment.

Fechten ist ein Sport, bei dem visuelle Wahrnehmung und Bewegungsapparat harmonieren müssen. Die Auge-Hand-Koordination spielt eine große Rolle. „Manche haben dafür ein unglaubliches Talent“, erzählt Fendel. Die Übungsinhalte sind unter anderem auf die Schulung dieser Fähigkeiten ausgerichtet. Technik, Koordination, Taktik, Kondition, Sicherheit – so umreißt Fendel wesentliche Trainingselemente. Mit sechs Jahren können Kindern mit dem Erlernen der komplexen Sportart beginnen, meint der Experte.

Bevor die Fechter bei Turnieren oder Meisterschaften aufschlagen dürfen, müssen sie eine Turnierreifeprüfung ablegen. Dieser Test besteht aus einem theoretischen und praktischen Teil. „Alle schieben davor Panik, dabei ist die gar nicht so schwer“, schildert Theo seine Erfahrung. „Einfach ist es aber auch nicht, man muss vorher üben“, ergänzt Moritz (11).

Den Reiz des Fechtens beschreiben die jungen Cracks unterschiedlich. Max (13) mag die Geschwindigkeit, die in der Sportart liegt. „Alles geht ganz schnell und man braucht gute Reflexe.“ Eva begeistert die Wettkampfsituation, das Duell Eins-gegen-Eins auf der Planche, das verbunden ist mit der Herausforderung, sich immer wieder neu auf die nächste Aktion zu konzentrieren. „Das gefällt mir“, berichtet die Zwölfjährige.

Und wie kommt man als Kind auf die Idee, mit dem Fechtsport anzufangen? „Ist doch klar“, sagt Fabian (13). „Alle Helden in Filmen oder Büchern fechten, das will man auch können. Fechten ist cool.“

Moderne Musketiere – die Fechter der SSG Bensheim

Hieb- und stichfest

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1928 wurde in Bensheim ein erster Fechtclub gegründet. Zuvor waren die Fechter Mitglieder im hiesigen Turnverein. In den 1970er Jahren löste sich der Club auf.

1981 wurde – nach der Abteilung Moderner Fünfkampf – auch eine Fechtabteilung innerhalb der SSG Bensheim ins Leben gerufen. Als erste Vorsitzende wurde Waltraud Stolle, Gattin des damaligen Bürgermeisters Georg Stolle, gewählt.

Das Training der SSG-Fechter findet montags und donnerstags in der Sporthalle der Karl-Kübel-Schule statt. Es gibt drei verschiedene Leistungsstufen.

Weitere Infos: http://fechten.ssg-bensheim.de oder per E-Mail: info@fechten-bensheim.de
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