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Sonderveröffentlichung
Themenspecial 50 Jahre Lautertal

Ein halbes Jahrhundert ohne Langeweile

Die Gemeinde Lautertal hat einige heftige politische Debatten erlebt / Die Verteilungskämpfe unter den Dörfern verlieren aber an Bedeutung

Das Lautertaler Wappen am Marktplatzbrunnen in Reichenbach. BILD: KOE

9.06.2022
Mit der offiziellen Gründung der Gemeinde Lautertal am 1. Januar 1972 endete zwar ein langer Weg. Jener, der zum heutigen Bild der Kommune führen sollte, begann aber erst.

Schon die ersten Monate des jungen Lautertals waren von Wirrungen geprägt. Im März stand die Kommunalwahl an. Bis dahin hätte eigentlich Karl Germann als Bürgermeister des größten Dorfs Reichenbach die neue, gemeinsame Verwaltung führen sollen. Die Vertreter der anderen Gemeinden, die Teil der neuen Großgemeinde geworden waren, wollten Germann aber nicht akzeptieren.

Letztlich musste das Kreis Bergstraße Amtmann Kurt Radtke entsenden, damit dieser die Verwaltung übergangsweise führte. Erst nach der Kommunalwahl durfte Germann auf dem Chefsessel im Rathaus Platz nehmen. Allerdings nur für ein paar Monate: Da Knoden, Breitenwiesen und Schannenbach erst am 1. August 1972 zur Großgemeinde stießen, musste im Herbst wieder gewählt werden. Die SPD lag dieses Mal vor Germann und seinen Freien Wählern. Im Dezember wählten die Gemeindevertreter den Sozialdemokraten Josef Weitzel zum Bürgermeister. Er blieb bis 1985 Verwaltungschef, nach einer Pause wurde er es wieder von 1991 bis 1995.
    
Im Laufe der Jahre hatten sich Gadernheimer, Reichenbacher, Schannenbacher und Einwohner der anderen Dörfer daran zu gewöhnen, auch Lautertaler zu sein. 1977 war zumindest die Bildung der Großgemeinde vollendet, als Schmal-Beerbach teil der neuen Körperschaft wurde. In den Folgejahren floss viel Geld in die Infrastruktur. Straßen wurden ausgebaut, die Gemeinde bildete einen Trinkwasserverbund, um die Versorgung in sämtlichen Ortsteilen sicherzustellen. Dennoch blieben viele Lautertaler lange auf ihre Heimatdörfer fixiert.

Zumindest nach außen trat Lautertal schon früh als Einheit auf. 1980 schloss die Gemeinde eine Partnerschaft mit dem englischen Parish of Aldenham ab. Keine zwei Jahre später folgte die Verschwisterung mit der französischen Kommune Jarnac. Viel später, 2017, kam noch die italienische Gemeinde Dogliani hinzu.

Zäsuren in den 90er Jahren

Die 90er Jahre brachten einige Zäsuren mit sich. Zum einen wirtschaftlich: Der bis dato größte Gewerbesteuerzahler, die Ciba-Geigy in Lautern, zog fort. Die fehlenden Einnahmen trugen dazu bei, die Finanzlage zu verschlechtern. Das riesige Betriebsgelände wurde zu einem kleinteiligen Gewerbegebiet umgewidmet. Es änderten sich die Rahmenbedingungen in der Kommunalpolitik: Seit 1993 werden in Hessen Bürgermeister direkt von allen Einwohnern einer Kommune gewählt, nicht mehr von der Gemeindevertretung oder der Stadtverordnetenversammlung. Die erste Lautertaler Direktwahl gewann 1995 Jürgen Kaltwasser (SPD), der danach bis 2017 Bürgermeister war.

Diese Jahre waren geprägt von heftigen politischen Debatten. Pläne, Windräder auf dem Haurod zu errichten, scheiterten am Widerstand von Bevölkerung und Kommunalpolitikern. Aus dieser Gegenbewegung entstand mit der Lautertaler Bürgerliste ein neuer Akteur, der zwischen 2016 und 2021 stärkste Kraft in der Gemeindevertretung war.

Gleichzeitig verschlechterte sich die Finanzlage zusehends. Über die Jahre hatte sich an vielen Stellen ein Investitionsrückstau gebildet. 2012 schlüpfte die Gemeinde unter den Rettungsschirm des Landes Hessen, das den Kommunen Schulden bezahlte, dafür aber strenge Sparmaßnahmen forderte. Verschärft wurde die Lage 2017, als Finanzberater der Gemeinde riesige Lücken in den Jahresabschlüssen feststellten, ausgelöst durch Buchungsfehler. Bürgermeister Kaltwasser musste infolgedessen seinen Hut nehmen. Sein Nachfolger wurde Andreas Heun, parteilos angetretener Kandidat mit SPD-Parteibuch. In der Folge erhöhte die Gemeinde ihren Grundsteuersatz auf den bundesweiten Rekordwert von 1050 Punkten, um ihre Schulden abzubezahlen.

Die Lage bleibt fragil. Ein ambitioniertes Investitionsprogramm soll den Sanierungsrückstau an Straßen, Wasserinfrastruktur und Gebäuden zurückdrängen und die Gemeinde fit machen für die Zukunft. Das nötige Geld dafür aufzubringen wird schwer, Corona-Pandemie und Krieg in der Ukraine machen es nicht leichter. In vielen Bereichen deutet sich aber an, dass Lautertal wieder auf dem Weg zu besseren Zeiten ist. Im Bereich der Wasserversorgung arbeitet Lautertal mittlerweile mit Lindenfels zusammen. Die Grundsteuer wurde zu Beginn des Jubiläumsjahres wieder auf 850 Punkte gesenkt. Zugezogene und nachgeborene Lautertaler, die dort heimisch geworden sind, interessieren sich nicht mehr für Verteilungskämpfe zwischen den Ortsteilen, sondern sehen eher die Gemeinde als Ganzes. Die nächsten 50 Jahre Lautertals werden wohl ebenso wenig langweilig wie die ersten. Konrad Bülow
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