Sonderveröffentlichung
Themenspecial Stadtmagazin Bensheim

Ein Herz für Afrika

Dr. Brigitte Tost ist Herzspezialistin und Chefärztin am Heilig-Geist-Hospital. In Ruanda hilft die Medizinerin regelmäßig in einem Gesundheitszentrum auf dem Land aus.

Text: Thomas Tritsch 

Normalerweise dauert der Weg zur Arbeit eine knappe halbe Stunde. Alle zwei bis drei Jahre ist Dr. Brigitte Tost ein wenig länger unterwegs. Rund 7000 Kilometer sind es bis Ruanda. Im Osten Zentralafrikas unterstützt die Kardiologin ein besonderes Hilfsprojekt: Das Gesundheitszentrum „Centre de Santé Gikonko“ im Süden des Landes ist für über 26000 Menschen weit und breit die einzige Chance, um medizinische Hilfe zu finden. Bis zu 300 Patienten kommen täglich. Fast alle zu Fuß.

Dr. Brigitte Tost, Chefärztin am Bensheimer Hospital (r.), mit ihrer Studienfreundin Dr. Uta Elisabeth Düll, die in Gikonko in Ruanda ein Gesundheitszentrum leitet.
Dr. Brigitte Tost, Chefärztin am Bensheimer Hospital (r.), mit ihrer Studienfreundin Dr. Uta Elisabeth Düll, die in Gikonko in Ruanda ein Gesundheitszentrum leitet.
„Man kann die Situation vor Ort nicht mit unserer Gesundheitsversorgung vergleichen“, so die Herzspezialistin, die im Sommer 2017 als neue Chefärztin ins Heilig- Geist-Hospital gekommen ist. Der Kontakt nach Afrika ist älter. 2002 reiste sie erstmals nach Ruanda, wo ihre Studienfreundin Dr. Uta Elisabeth Düll, eine Chirurgin, 1995 das Zentrum eröffnet hat.

Der dicht besiedelte Binnenstaat zählt zu den ärmsten Regionen Afrikas und wird wegen seiner typischen Landschaft auch als „Land der tausend Hügel“ bezeichnet. Und auch für die Menschen in der Umgebung von Gikonko ist ein Besuch mit beschwerlichen Hürden verbunden. Viele kommen von weit her, um sich – 18 Kilometer von der nächsten Straße entfernt – untersuchen zu lassen. Patienten mit internistischen Problemen, mit Bluthochdruck oder Herzschwäche, mit Infektionserkrankungen, HIV oder Hepatitis. Das Krankheitsspektrum ist breit. 52 Mitarbeiter sind im Zentrum beschäftigt. Dr. Düll ist die einzige Ärztin.

„Die Freude und Dankbarkeit in den Gesichtern der Menschen entschädigt für so manche Anstrengung.“

Ein Schwerpunkt ist die Behandlung von Säuglingen und Kindern mit Hydrocephalus, bei denen es zu einer krankhaften Ansammlung von Gehirnflüssigkeit kommt. Im OP werden chirurgische Eingriffe vorgenommen, die Geburtshilfestation dokumentiert jährlich rund 800 Geburten. Neben dem großen Ambulanzbereich gibt es auch ein Ernährungszentrum, in dem unterernährte Kleinkinder gemäß eines nationalen Ernährungsprogramms mit Milch und kalorienreichen Müsliriegeln aufgepäppelt werden. Gleichzeitig lernen ihre Mütter in einer kleinen Kochschule, wie sie ihren Kindern mit heimischem Obst und Gemüse eine ausreichende Eiweiß- und Kalorienzufuhr gewährleisten können.

Ein Blick in das Ernährungszentrum, das Teil des Gesundheitszentrums ist. Hier werden unterernährte Kleinkinder aufgepäppelt und Mütter erhalten Ratschläge, wie sie ihren Kindern aus heimischem Obst und Gemüse eine ausreichende Kalorienzufuhr gewährleisten können. Bilder: Brigitte Tost
Ein Blick in das Ernährungszentrum, das Teil des Gesundheitszentrums ist. Hier werden unterernährte Kleinkinder aufgepäppelt und Mütter erhalten Ratschläge, wie sie ihren Kindern aus heimischem Obst und Gemüse eine ausreichende Kalorienzufuhr gewährleisten können. Bilder: Brigitte Tost
„Wir haben keine Radiologie. Dafür aber ein kleines Labor, das recht gut funktioniert“, so Dr. Tost. Und selbst, wenn es ein Röntgengerät gäbe, würde es am nötigen Starkstrom scheitern, berichtet sie wenige Wochen nach ihrem jüngsten, mittlerweile siebten Aufenthalt in Ruanda. Drei Wochen war sie in Gikonko, das nah an der Grenze zu Burundi liegt. Die Möglichkeiten vor Ort bezeichnet sie als Basismedizin. Mehrere Patienten in einem Bett. Die Krankenbetreuer darunter. Die Hospitalküche ist eine Feuerstelle.

Dennoch ist sie immer wieder begeistert, wie viel man auch mit reduzierten Mitteln erreichen könne. Auch die Fortschritte im Land seien bemerkenswert. Zu den positiven Veränderungen zählt sie den weltweit ersten Drohnenflughafen, von dem seit zwei Jahren autonome Fluggeräte starten, um Blutkonserven, Impfstoffe und Medikamente ins Land zu bringen.

Angefordert wird der Service über eine App, per WhatsApp kommen eine Bestätigung und die Infos über die exakte Ankunftszeit des Minitransports. In der Regel dauert es eine halbe Stunde, bis die Drohne die wertvolle Fracht aus circa acht Metern Höhe in einem Päckchen samt Fallschirm auskoppelt.

Kontrastprogramm in Bensheim: Hightech, wohin man schaut.

Vom Airport bis Gikonko sind es 80 Kilometer. „Die einzige Chance, um an lebenswichtige Substanzen zu gelangen“, so die Kardiologin. Für sie ist die Zeit in Ruanda eine Herausforderung und jedes Mal aufs Neue ein prägendes Erlebnis. „Die Freude und Dankbarkeit in den Gesichtern der Menschen, die sonst kaum einen Zugang zu einem Herzspezialisten haben, entschädigt für so manche Anstrengung.“

Dr. Brigitte Tost behandelt ein Kind mit Hydrocephalus. Bild: Brigitte Tost
Dr. Brigitte Tost behandelt ein Kind mit Hydrocephalus. 
Bild: Brigitte Tost
Um die Menschen der Region auch abseits des Gesundheitszentrums kennenzulernen und sich einen Eindruck von ihren Lebensbedingungen zu machen, werden regelmäßig „Hausbesuche“ in die umliegenden Dörfer unternommen. Dort lebt die Bevölkerung ohne Strom und fließendes Wasser. Gekocht wird über offenem Feuer. Die Hütten mit einer dünnen Wand aus Lehm und einem Holzgerippe werden immer wieder von tropischem Starkregen zerstört. Über Spendengelder werden stabilere Behausungen gebaut.

Bedürftige Patienten werden im Gesundheitszentrum mit Nahrungsmitteln oder Kleidung versorgt. Einige deutsche Unternehmen unterstützen die Arbeit vor Ort durch Spenden oder Medikamente. Auch ein Schulgebäude konnte bereits gebaut werden. Doch die Ausstattung der Klassenräume lässt wegen Geldmangels weiter auf sich warten. Obwohl im Land eine Art Krankenversicherung eingeführt wurde, ist die Einrichtung weiterhin auf Zuschüsse angewiesen. Die Finanzierung erfolgt zu jeweils einem Drittel über Spenden, die Versicherung und über den Globalen Fonds zur Bekämpfung von AIDS, Tuberkulose und Malaria mit Sitz in der Schweiz.

Häuser aus Lehm und Holz, kein Strom und fließend Wasser: In Gikonko leben die Menschen in einfachen Verhältnissen. Bild: Brigitte Tost
Häuser aus Lehm und Holz, kein Strom und fließend Wasser: In Gikonko leben die Menschen in einfachen Verhältnissen. Bild: Brigitte Tost
Zurück in Bensheim erlebt Brigitte Tost ein echtes Kontrastprogramm: optimale Ausstattung, top-ausgebildetes Personal und Hightech, wohin man schaut. Über E-Mail und Telemedizin kann sie heute auch aus der Distanz therapeutische Tipps geben und ihre Patienten in Ruanda beratend betreuen. In Gikonko ist sie für alle nur die „Muganga“ – die Herzspezialistin. Eine Kardiologin mit einem großen Herz für Afrika.

Zwei engagierte Ärztinnen

● Seit Juli 2017 gehören Chefärztin Dr. Brigitte Tost und ihr Team zum Stab des HGH. Nach dem Studium absolvierte die heute 57-Jährige ihre kardiologische und internistische Ausbildung als Assistenzärztin am Herzzentrum in Lahr und bei Prof. Dr. Achim Weizel in Mannheim. Ans HGH wechselte sie vom dortigen Theresienkrankenhaus, wo sie als Oberärztin in der Abteilung für Kardiologie, Angiologie und internistische Intensivmedizin tätig war.
● Dr. Uta Düll engagiert sich seit 1995 in Ruanda im medizinischen Bereich. Besonders verdient gemacht hat sie sich für das von ihr geleitete Krankenhaus und die dortigen Patienten. Sie ist Fachärztin für Chirurgie, deckt aber als einzige Ärztin des Krankenhauses das ganze klassische Spektrum der Chirurgie einschließlich der Geburtshilfe sowie die Tropenmedizin ab. Sie gehört dem Säkularinstitut Sankt Bonifatius Detmold an. Im Oktober letzten Jahres erhielt sie das Bundesverdienstkreuz am Bande.
● Spendenkonto: Institut St. Bonifatius, Detomold, IBAN DE22 4726 0307 0011 2205 01, Verwendungszweck: Ruanda-Hilfe Dr. Uta Düll
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