Sonderveröffentlichung
Themenspecial Chronik 2020

Ein Jahrhundertprojekt der Bahn, an dem sich die Geister scheiden

ICE-Trasse: Im Laufe des Jahres wird klarer, wie sich die Bahn die Streckenführung durch den Kreis vorstellt – zum Missfallen der Region

ICE-Neubaustrecke: Die Vorzugsvariante der Bahn. Quelle: Deutsche Bahn AG grafiKS Kai Segelken

24.12.2020
Bergstraße. Dass dicke Bretter gebohrt werden müssen, wenn die Bahn eine völlig neue Trasse durch eine so dicht besiedelte Region wie den Kreis Bergstraße bauen will, war von Beginn an klar. Entsprechend frühzeitig – bereits in den Nullerjahren und in den Folgejahren immer wieder untermauert – haben sich der Kreis und die Bergsträßer Kommunen schon positioniert und ihre Forderungen an die ICE-Strecke abgestimmt. In deren Zentrum steht eine weitestgehende Bündelung mit der Autobahn 67 sowie ein rund zehn Kilometer langer Tunnel – in bergmännischer Bauweise ausgeführt – vom Bensheimer Stadtteil Langwaden im Norden und bis südlich von Lorsch. Bergmännische Bauweise bedeutet, dass die Tunnelröhre unterirdisch vorangetrieben wird. Im Gegensatz dazu stünde eine offene Bauweise, bei der großflächig Erdreich ausgehoben, die Gleise verlegt und das Ganze am Ende wieder zugeschüttet wird.

Vorstellungen konkretisiert

Im Jahr 2020 war es nun soweit, dass die Bahn ihre Vorstellungen zur Streckenführung für das Milliardenprojekt konkretisierte. Der Beifall aus dem Kreis Bergstraße hielt sich, zurückhaltend formuliert, sehr in Grenzen. Zwar ist in Teilen eine Bündelung mit der A 67 vorgesehen – allerdings nur bis südlich von Lorsch. Im weiteren Verlauf aber soll die Strecke den Lampertheimer Wald diagonal durchschneiden; und zwar in einem in offener Bauweise entstehenden Tunnel. Der war von der Region gar nicht gefordert – sondern vielmehr eine deutlich enger an die Autobahnen angelehnte Streckenführung.
  
Massive Kritik gab es dann noch einmal an den Plänen für den Bereich von Lorsch nordwärts, den die Bahn am Freitag, dem 13. November, konkretisierte. Denn von einem Tunnel in bergmännischer Bauweise will die Bahn nichts wissen. Stattdessen soll die neue Trasse lediglich im Kreuzungsbereich mit A67 und B47 zwischen Einhausen und Lorsch unterirdisch geführt werden.

Lärmbelastung

Mit diesen Vorstellungen kann man sich im Kreis Bergstraße überhaupt nicht anfreunden. Die zu erwartende zusätzliche Lärmbelastung für die Menschen, die entlang der neuen Trasse leben – also vor allem in Langwaden, Einhausen und Lorsch – kann nach Überzeugung von Kreis und Kommunen mit den Plänen der Bahn in keiner Weise auf einem erträglichen Maß gehalten werden.

Die spontanen Kommentare der Bürgermeister aus Lorsch, Christian Schönung („Freitag, der 13. eben“), und aus Einhausen, Helmut Glanzner („nicht hinnehmbar“) am Tag der Präsentation fielen entsprechend deutlich aus. Raimund Strauch von der Initiative „Mensch vor Verkehr“ sprach von einer „breiten Enttäuschung“.

Auch nach genauerer Betrachtung der Bahn-Vorzugstrasse blieb die Ablehnung durch Politik und Bürgerinitiativen eindeutig. So unterstreicht der Kreistag bei seiner Sitzung am 7. Dezember seine seit Jahren kommunizierte Positionierung. Man werde nicht vor einer Klage zurückschrecken, wurde die Entschlossenheit von Politik und Verbänden unterstrichen, mit der man auf allen Wegen für die Realisierung der Forderung nach einem langen Tunnel in bergmännischer Bauweise kämpfen will. Juristische Mittel kann man allerdings erst dann einlegen, wenn es eine Planfeststellung gibt.

Nun soll erst einmal weiter beraten werden – nicht nur in dem bereits installierten Beteiligungsforum, sondern vor allem in einem noch zu schaffenden Projektbeirat, von dem sich die Region deutlich bessere Möglichkeiten der Einflussnahme erwartet. Immerhin gibt es Signale aus Berlin, dass die Schaffung den von Bergsträßer Seite eingeforderten Projektbeirates im kommenden Jahr gelingen könnte.

Landrat Christian Engelhardt hatte zudem schon zu Jahresbeginn deutlich gemacht, dass der Kreis von der Bahn darüber hinaus erwartet, dass auch der Lärmschutz auf den bereits bestehenden Eisenbahntrassen im Kreisgebiet verbessert wird.

Mit Tempo 300 in 29 Minuten

Für die Bahn entscheidend: Die neue Trasse soll eine möglichst schnelle Verbindung zwischen Frankfurt und Mannheim ermöglichen. „Mit Tempo 300 in 29Minuten“ lautet dafür die Zielvorstellung der Planer. Ob die Trasse ober- oder unterirdisch geführt wird, spielt dafür natürlich keine Rolle – wohl aber im Blick auf die Kosten, wie die Bahn argumentiert. DB-Netz-Projektleiter Jörg Ritzert erläuterte im November auf Nachfrage dieser Zeitung, im kommenden Jahr würden die weiter gehenden Forderungen der Region – wie beispielsweise der bergmännische Tunnel – geprüft. Sollten diese Anträge mit höheren Kosten verbunden sein, hätte darüber der Deutsche Bundestag zu entscheiden. Hauptkriterium für das Vorgehen der Bahn bleibe das der Wirtschaftlichkeit.

Laut Projektleiter Ritzert hat die Bahn auch die vom Kreis Bergstraße und den Kommunen der Region favorisierte Konsenstrasse als eine von insgesamt 30 Varianten geprüft. Sie sei aber bereits vor einem Jahr verworfen worden, da sie mit stärkeren Eingriffen in schützenswerte Naturgebiete verbunden gewesen wäre als die jetzt geplante Trassendiagonale durch den Lampertheimer Wald.

Ebenso verworfen worden sei eine Bündelung der neuen Bahnstrecke mit der anderen Autobahn, die den Kreis Bergstraße in Nord-Süd-Richtung durchschneidet. Parallel zur A5 zu bauen, komme mit Blick auf die Mehrkosten und die Lärmbelästigung für einen größeren Teil der Bevölkerung – betroffen wären in einem solchen Fall vor allem Zwingenberg, Bensheim und Heppenheim – nicht infrage.

Hessens Verkehrsminister Tarek Al-Wazir hatte bei der Präsentation der Vorzugsvariante der Bahn im November eingeräumt, „dass wir mit dem Planungsergebnis nicht alle glücklich machen können“. Das muss dem Grünen-Politiker schon seit mindestens fünf Jahren bewusst sein. Denn er war prominenter Gast beim dritten Bahn-Aktionstag im Juli 2015 in Lorsch, bei dem 5000 Menschen der Forderung nach einem bergmännischen Tunnel Nachdruck verliehen hatten. Von Kai Segelken