Sonderveröffentlichung
Themenspecial Meine Heimat

Ein Ort, der in der ersten Liga mitspielt

Weltkulturerbe-Stadt: Lorsch ist auch international ein Begriff

Einige der unzähligen Funde werden in der Zehntscheune gezeigt. BILD: DF

10.09.2020
Magistrat der Stadt Lorsch
Lorsch. Als Wohn- und Ausflugsort ist Lorsch sehr beliebt. Warum aber ist sein Name – anders als andere Bergstraßen-Orte – weit über die Region hinaus bekannt und vielen sogar international ein Begriff? Vor allem deshalb, weil Lorsch jahrhundertelang zu den allerersten Adressen in Europa zählte. Und auch, weil im Lorscher Codex, einer Urkundensammlung aus dem Mittelalter, rund tausend Ortschaften in Deutschland erstmals eine Erwähnung finden. Der Bergsträßer Anzeiger erinnert ab heute in einer Heimat-Serie an Geschichte in der Region. Gerade in Lorsch hat sie eine besondere Bedeutung.

Das Kloster gehörte im frühen Mittelalter mit seiner sehr gut bestückten Bibliothek zu den bedeutendsten Wissenszentren Europas. Als Königskloster war es ein Machtzentrum, das mit seinen vielen Besitzungen von der Nordseeküste bis in die heutige Schweiz auch wirtschaftlich stark war. Kaiser, Könige und Päpste wie Leo IX ließen sich in Lorsch sehen, unter anderem sogar Karl der Große. Sein Enkel Ludwig der Deutsche wählte Lorsch zudem als Grablege für Mitglieder seiner Dynastie aus.

Zugegeben allerdings: In späteren Jahren hat Lorsch lange Zeit deutlich weniger prominent von sich reden gemacht. Nach der Blütezeit unter den Benediktinern verlor es unter Zisterziensern und dann Prämonstratensern an überregionaler Bedeutung. Nach der Verwüstung durch spanische Truppen 1621 im Dreißigjährigen Krieg wurde das verlassene Klostergelände nur noch als Steinbruch genutzt. Um ein Haar wäre wohl von der berühmten Anlage irgendwann nichts mehr übrig geblieben.

Die Geschichte aber ging glücklicherweise anders aus. Dank eines weitsichtigen Mannes, dem Architekten Georg Moller aus Darmstadt, der im frühen 19. Jahrhundert den Großherzog von Hessen-Darmstadt für eine erste Denkmalschutzordnung begeistern konnte, wurde die Königshalle gerettet. Jahre später, 1991, wurde das Klosterareal auch durch Lorscher Engagement – unter anderem gab es die Initiative „Rettet die Königshalle“ – mit dem begehrten Titel „Welterbestätte“ geadelt.
   
Vom einst mächtigen Kloster ist nicht mehr viel Original-Bausubstanz zu sehen. Die Neugestaltung des Welterbe-Geländes in Lorsch vermittelt inzwischen aber einen besseren Eindruck der einstigen Größe. BILD: NEU
Vom einst mächtigen Kloster ist nicht mehr viel Original-Bausubstanz zu sehen. Die Neugestaltung des Welterbe-Geländes in Lorsch vermittelt inzwischen aber einen besseren Eindruck der einstigen Größe. BILD: NEU
Zahlreiche andere Kommunen bemühen sich immer wieder und doch vergeblich um eine solche Auszeichnung: Heidelberg etwa. Das kleine Lorsch dagegen bekam das Prädikat, wurde die erste Unesco-Weltkulturerbe-Stadt in Hessen und damit in eine international hochklassige Liga aufgenommen, in der beeindruckende Prachtbauten wie etwa der Kölner Dom, der Papstpalast in Avignon oder die Chinesische Mauer vertreten sind.

Seit fast 30 Jahren kann sich die Stadt inzwischen mit dem Namen Welterbe-Stadt schmücken. Ein zweiter Welterbe-Titel kam sogar noch dazu. Denn seit 2013 zählt das „Lorscher Arzneibuch“ zum Unesco-Weltdokumentenerbe. Das Werk, Ende des achten Jahrhunderts in der Lorscher Benediktinerabtei geschrieben, gilt als das älteste medizinische Buch des abendländischen Mittelalters.

Karl der Große sah die Torhalle nie

Lorsch hat Geschichte, die Staunen macht. Dass die karolingische Königshalle schon mehr als ein Jahrtausend lang allen Stürmen fast unversehrt standgehalten hat, löst bei manchem Betrachter andächtige Bewunderung aus. Karl der Große allerdings hat das Gebäude bei seinem Besuch nicht gesehen. Neuere Forschungen haben ergeben, dass der Bau doch später als lange angenommen errichtet wurde. Datiert wird er jetzt erst auf die Zeit um 900. Wer sich für die Vergangenheit interessiert, wird in Lorsch zahlreiche spannende Themen finden – und längst ist noch nicht alles wissenschaftlich erforscht. Auch die originale Nutzung der Königshalle bleibt weiterhin ein Geheimnis. Eine Vermutung ist, dass sie als eine Art Triumphbogen für einen Herrscher errichtet wurde. Immer wieder tun sich in Lorsch neue Fragen zur Vergangenheit auf. Da braucht man nur einmal Dr. Hermann Schefers fragen. Der Historiker ist Leiter der Welterbestätte. Als er vor fast 30 Jahren von München nach Lorsch wechselte, hatte sein Professor gewettet, Schefers käme bald zurück, weil in Lorsch nicht mehr so viel zu entdecken wäre. Das Gegenteil war der Fall. Es gibt noch eine Menge Quellen, die der Wissenschaft nicht zugänglich sind, sagt Schefers.

Richtig ist, dass sich die Besonderheiten oft nicht auf den ersten Blick erschließen. Von der einst mächtigen Klosteranlage sind nur die Mauer, der Kirchenrest und eben die Torhalle zu sehen. Viele Jahre war ein Besuch in Lorsch deshalb vor allem etwas für Kenner und für diejenigen, die sich zuvor in die faszinierende Geschichte eingelesen hatten. Viele andere Besucher waren dagegen enttäuscht, von dem, was in Lorsch geboten wurde.

Das hat man geändert. Lorsch ist nicht mehr nur für Freunde und Experten des Mittelalters spannend und erkenntnisreich. Im Rahmen einer rund 15 Millionen Euro teuren Neugestaltung des Geländes hat man der Klosteranlage wieder zu sichtbarer Größe verholfen. Im dichten Rasen deuten nun Vertiefungen Umrisse früherer Gebäude an. Selbst wer die Klostergeschichte nicht kennt, spürt auf dem Areal, das frei zugänglich mitten in der Stadt liegt, dass der Ort ein besonderer ist. Von den unzähligen Objekten, die Archäologen bei Grabungen entdeckten, werden einzelne inzwischen in der Zehntscheune ausgestellt und in Szene gesetzt. Und für alle, die einen anschaulichen Eindruck von der Karolingerzeit erhalten wollen, gibt es Lauresham, das die Zeit um 800 bei einem Spaziergang durch das Freigelände lebendig werden lässt. sch