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Sonderveröffentlichung
Themenspecial Stadtmagazin Bensheim

Ein Testbild und zwei Programme

„Welches Schweinderl hätten Sie denn gerne?“ Unser Fotograf Thomas Neu schwelgt in Erinnerungen an die Fernseh-Zeiten der 1960er und 70er Jahre.


16.07.2021
Was, schon wieder Redaktionsschluss? Die Kollegin fragt nach meinem Kolumnentext. Das nächste Stadtmagazin ist quasi schon im Druck – und wer hat seinen Text noch nicht geliefert? Der liebe Herr Neu. Ups, das bin ja ich. Ich komme doch gerade erst aus dem Urlaub, bin tiefenentspannt und mit meinen Gedanken noch am Ammersee, wo meine Frau und ich unseren Sommerurlaub verbracht haben. Den Sonnenhut noch auf dem Kopf, den Koffer noch nicht verstaut, stehe ich etwas ratlos in meinem Büro. Grübelnd! Im Grunde war der Text schon geschrieben, bereits vor der Abfahrt. In einem meiner Notizbücher, denn ich liebe diesen analogen ersten Schritt mit Füller und Papier bei der Gedankenfindung. Nur wo ist das Notizbuch? Im Text hatte ich in Fernseherinnerungen geschwelgt, da bin ich ganz sicher!

Als Kind der 60er und 70er Jahre sind meine ersten Fernseherinnerungen tierisch angehaucht. Ob Flipper, Lassie, Skippy, der Spatz vom Walraffplatz oder der Hase Cäsar, ich liebte sie alle. Aber es wurde auch scharf geschossen. Noch heute kann ich die Melodie von Bonanza mitsummen, denn wenn Adam, Hoss, Little Joe und Ben Cartwright durch die brennende Landkarte ins Bild ritten, waren das wichtige Lehrfilme für mich jungen Nachwuchscowboy. Warum erinnere ich mich ohne weiteres an einen chinesischen Koch namens Hop Sing, der die Männerwirtschaft auf der Ponderosa bei Kräften hielt, kann aber so manches Schulwissen nicht mehr abrufen? Mit dem schnellen Raumkreuzer Orion kämpfte ich gegen die Frogs, entdeckte mit dem Raumschiff Enterprise ferne Welten und erkannte Außerirdische – dank der Serie „Invasion von der Wega“ – sofort an einem leicht verkrümmten Finger. Das Fernsehen wirkte natürlich auch charakterbildend: Die romantische Seite in mir weckte Barbara Eden als „Bezaubernde Jeannie“, bevor Emma Peel mein Herz eroberte.

Mussten meine Eltern nur zwischen ARD und ZDF wählen, habe ich heute eine unüberschaubare Programmvielfalt. Zu allem Überfluss habe ich natürlich auch noch Streaming-Dienste abonniert, die mich mit ständig neu produzierten Filmen und Serien vor den Fernseher locken wollen. In der Theorie bedeutet dies: Nie mehr Langeweile und immer einen perfekten Film oder eine maßgeschneiderte Serie oder Doku parat, falls man sich dazu entschließt, einen terminfreien Abend vor dem Fernseher zu verbringen. Die Realität sieht leider anders aus, denn das Angebot verwirrt eher, als das es die Entscheidung „was schauen wir heute?“ erleichtert. Und dann ist irgendwann der Punkt erreicht, wo man die Fernbedienung am liebsten entsorgen möchte und der Blick geht zurück in die – natürlich verklärte – Vergangenheit. Was Jugendliche sich heute kaum vorstellen können: Das Fernsehprogramm hatte in meiner Jugend einen Anfang und ein Ende. Davor und danach gab es ein Testbild. Und falls man vom ersten Programm auf das zweite umschalten wollte, musste man sich zum TV-Gerät bewegen, denn eine Fernbedienung gab es nicht!

Vor 17 Uhr wurde nur bei Sportereignissen der Fernseher angeschaltet und am Wochenende. Ewig in Erinnerung bleiben natürlich jene Momente, wenn man sogar nachts geweckt wurde, um ein großes Ereignis live am Bildschirm mitzuerleben, so wie am 21. Juli 1969 die Mondlandung, oder wenn es bei meinem Vater hieß „Heute Nacht boxt der Clay“. Dann saßen meine zwei Brüder und ich im Schlafanzug mit ihm vor dem Fernseher und verfolgten aufgeregt das Boxspektakel. Zwar hatte der beste Boxer aller Zeiten längst seinen Namen in Muhammad Ali geändert, aber in der Familie blieb er lange weiter einfach „der Clay“. Die ersten Erinnerungen an Fußball im Fernsehen habe ich an ein Spiel bei der Weltmeisterschaft in Mexiko 1970. Deutschland gewann – anders als bei dieser EM – trotz eines Zwei-Tore-Rückstandes gegen England mit 3:2. Mit meinen Freunden habe ich anschließend auf dem Bolzplatz jedes Tor nachgespielt. Und ich fühlte mich wie Gerd Müller. War das ein Spaß!

Trotz dieser Begeisterung bei Länderspielen gehörte ich nicht der Sportschau-Fraktion in der Familie an: Jeden Samstag gab es Streit, ob mein älterer Bruder und mein Vater die Sportschau oder meine Schwester und ich Daktari sehen durften. Für jüngere Leser eine Erläuterung: Daktari war eine Serie über einen Tierarzt in Afrika, die heimlichen Hauptdarsteller waren aber der Schimpanse Judy und der schielende Löwe Clarence. Aber spätestens am Abend war der Streit vergessen, wenn die ganze Familie zusammen vor dem Fernseher saß, um sich gemeinsam die großen Fernsehshows anzusehen. Wir Kinder durften nach dem Samstagbad länger aufbleiben, und zu Peter Alexander, Hans-Joachim „Kuli“ Kulenkampff oder Rudi Carrell wurden Flips und Limonade serviert. Einfach herrlich! Zwischen Erinnerungen an das laufende Band mit dem legendären Fragezeichen und einen Hund namens Wum, der auf einem roten Sitzkissen sitzend das Lied „Ich wünsch mir ’ne kleine Miezekatze“ in Wim Thoelkes Show sang, finde ich endlich mein Notizbuch und einen Kolumnentext mit dem Arbeitstitel „Welches Schweinderl hätten Sie denn gerne?“. Wer diese Frage noch einer Sendung zuordnen kann, der darf sich als Kenner der Fernsehunterhaltung der 60er und 70er fühlen. Bravo! Thomas Neu
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