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Sonderveröffentlichung
Themenspecial 50 Jahre Lautertal

Eine Fusion auf Umwegen

Im Zuge der hessischen Gebietsreform entstand die Gemeinde Lautertal / Das war kein reibungsloser Prozess

Ein erster Schritt hin zu einer Großgemeinde war eine Bürgerbefragung, deren Ergebnis vom Reichenbacher Gemeinderat im Rathaus ausgezählt wurde. Gemeindevertretervorsitzender Waldemar Blessing (links) verkündete das eindeutige Votum für eine Großgemeinde. BILD: KOE  

9.06.2022
Es war eine Zeit des Umbruchs, aus der vor 50 Jahren die Gemeinde Lautertal geboren wurde. Mit der hessischen Gebietsreform veränderte sich die kommunale Landkarte des Landes Hessens nachhaltig.

Das Bundesland war zuvor ein Flickenteppich aus 2642 Gemeinden, 39 Landkreisen und neun kreisfreien Städten. Jede dieser Körperschaften hatte eine eigene Verwaltung. Diese kleinen Einheiten waren mit der Vielzahl an immer komplexeren Aufgaben, die das fortschreitende 20. Jahrhundert bereithielt, zunehmend überfordert. Mit der Gebietsreform wollte das Land Hessen größere, leistungsfähigere Verwaltungen schaffen.
     
Karl Germann, ehemaliger Bürgermeister von Reichenbach und Lautertal. BILD: PRIVAT
Karl Germann, ehemaliger Bürgermeister von Reichenbach und Lautertal. BILD: PRIVAT
Das Rezept dafür: Kleine Gemeinden wurden in größere eingemeindet, anderswo sollten viele Kommunen zu einer verschmolzen werden – so, wie es letztlich im Lautertal geschah. Die Vorgabe des sozialliberalen Kabinetts aus Ministerpräsident Albert Osswald (SPD) und Innenminister Hanns-Heinz Bielefeld (FDP) war, dass es künftig nur noch 500 Gemeinden und 20 Landkreise geben sollte.

Der Kurs der Landesregierung war hochumstritten. Die Koalition versuchte einerseits, die Kommunen mit Anreizen, etwa Vergünstigungen im kommunalen Finanzausgleich, zu freiwilligen Fusionen zu bewegen. Andererseits drohten ab dem 1. Juli 1974 Zwangszusammenlegungen.

Die Gemeinden im Lautertal zeigten zunächst nicht viel Elan, sich zusammenzutun. Die Situation war anders als in der Nachbarschaft, wo es mit Lindenfels und Bensheim Hauptorte gab, denen sich kleinere Gemeinden anschließen konnten. Im Tal mit seinen vielen Dörfern gab es so etwas nicht. Am ehesten hätte Reichenbach als Zentralort getaugt. Von einer Eingemeindung an diese Kommune hielten die anderen Lautertaler Dörfer aber nichts. Es zeichnete sich ab, dass eine neue Gemeinde gegründet werden musste, die nicht Reichenbach hieß.

Bis das heutige Lautertal Gestalt annahm, war manche Hürde zu überwinden. Reichenbach arbeitete zwar schon mit Beedenkirchen zusammen. Die Orte am Krehberg aber orientierten sich eher nach Heppenheim. Elmshausen bildete eine Einheit mit Wilmshausen, das nun in Richtung Bensheim strebte, während Gadernheim zunächst mit Kolmbach und Raidelbach eine eigenständige Gemeinde bildete. Der Chemiestandort Lautern wollte eigenständig bleiben.

Zäher Streit über Details

Mit einer Mischung aus Druck und Zugeständnissen forcierte das Land die Gebietsreform weiter. Eine Rolle spielte am Ende die Zusage, dass alle bisherigen Bürgermeister im Amt bleiben konnten oder von den neuen Gemeindeverwaltungen übernommen werden sollten. Bei einer Bürgerbefragung in Reichenbach sprach sich im Sommer 1971 eine Mehrheit der Einwohner für den Zusammenschluss mit den umliegenden Dörfern aus. Im Oktober beschlossen die Gemeindevertretungen die Eingliederung Beedenkirchens nach Reichenbach.

Unterdessen hörte die junge Gemeinde Gadernheim schon nach kurzer Zeit wieder auf zu existieren – sie war nach den neuen Vorgaben des Landes zu klein. Während Kolmbach den Weg in Richtung Lindenfels einschlug, orientierten sich Gadernheim und Raidelbach nun nach Westen. Letztlich kristallisierte sich die Gründung einer neuen Gemeinde mit dem Namen Lautertal heraus, mit einem Verwaltungszentrum in Reichenbach. Über die Details stritten die Vertreter der Lautertaler Dörfer bis zuletzt. Die Weihnachtspause 1971 fiel aus. Stattdessen wurden Fragen erörtert wie jene nach der Zukunft der Feuerwehren, der Trinkwasserversorgung und der Vereine. In den letzten Tagen des Jahres wurde der Grenzänderungsvertrag besiegelt, der die Fusion von Reichenbach, Beedenkirchen, Gadernheim, Raidelbach, Staffel, Wurzelbach und Elmshausen zur Großgemeinde Lautertal zum 1. Januar 1972 besiegelte. Bis zur Kommunalwahl im März führte Amtmann Kurt Radtke die neue Verwaltung, danach wurde Karl Germann von den Freien Wählern erster Lautertaler Bürgermeister. In den nächsten Jahren nahm die Gemeinde Lautertal ihre endgültige Gestalt an: Im August wurden Schannenbach sowie Knoden mit dem Weiler Breitenwiesen kraft Gesetz Teile Lautertals. Am 1. Januar 1977 folgte Schmal-Beerbach. Damit war Lautertal komplett.

Die Gebietsreform blieb umstritten, bei den Kommunalwahlen 1977 überholte die CDU die SPD in einem erdrutschartigen Sieg. Nach heftigem politischem Widerstand musste auch die Gründung der Stadt Lahn aus Gießen und Wetzlar zurückgenommen werden. Die Gemeinde Lautertal aber blieb bestehen. Einen letzten Gemeindezusammenschluss gab es 2018, als sich vier Kommunen zur Stadt Oberzent zusammenschlossen. Damit gibt es in Hessen fünf kreisfreie Städte, 417 kreiseigene Kommunen und 21 Landkreise. Konrad Bülow
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