Sonderveröffentlichung
Themenspecial Stadtmagazin Bensheim

Einkaufen fast wie bei Tante Emma

Ganz egal ob 650 Gramm Mehl, 375 Gramm Nudeln, 82 Gramm Walnüsse oder auch nur fünf Gummibärchen – alles kein Problem im kleinen Laden von Sabrina Machleid, der Ende November an der Darmstädter Straße in Auerbach eröffnet hat. Denn hier gibt es alle Produkte lose und „unverpackt“, wie schon der Name des Geschäfts verrät.


14.02.2020

Von Barbara Cimander 

In Plastik eingeschweißte Waren sucht man hier vergeblich. Stattdessen reihen sich bei „unverpackt“ Dutzende durchsichtige Schütt-Boxen aneinander, aus denen sich die Kunden selbst die gewünschte Menge Reis, Teigwaren oder Müsli in mitgebrachte Behältnisse „abzapfen“ können. Als modernen Tante-Emma-Laden könnte man das Geschäft bezeichnen. So wenig wie möglich Müll produzieren, ist das Ziel derer, die sich bei „unverpackt“ mit Grundnahrungsmitteln eindecken. Dabei geht es insbesondere um Plastik – aber nicht ausschließlich: Sabrina Machleid bietet in ihrem Laden auch Produkte an, die in der Regel nicht in Kunststoffverpackungen daherkommen: Speiseöle zum Beispiel, die man sich in Flaschen abfüllen kann
     
Auch Knabbereien kann man in Auerbach ohne Verpackung einkaufen. Bild: Thomas Neu
Auch Knabbereien kann man in Auerbach ohne Verpackung einkaufen. Bild: Thomas Neu
Für die Bensheimerin ist es bereits ihr zweites Geschäft in der Region – der erste „unverpackt“-Laden öffnete im Oktober 2017 in Lorsch seine Türen. Damals war Sabrina Machleid mit ihrem Konzept noch eine echte Exotin: Es war erst der fünfte Laden seiner Art in Hessen – und der erste an der Bergstraße sowieso. Mittlerweile sind die Themen Müllvermeidung und nachhaltiger Konsum im Rahmen der Klimawandel-Debatte in aller Munde. Und Sabrina Machleid ist mehr denn je überzeugt davon, vor über zwei Jahren die richtige Entscheidung getroffen zu haben, als sie den Schritt in die Selbstständigkeit wagte. Eigentlich ist die 37-Jährige gelernte Bankkauffrau und ging viele Jahre einer Bürotätigkeit nach. Nebenher absolvierte sie ein Fernstudium als Ernährungsberaterin – denn eine gesunde Lebensweise lag der Mutter einer Tochter schon länger am Herzen

Reise Zeit

Den Ausschlag für ihr „unverpackt“-Projekt gab letztlich eine Dokumentation im Fernsehen, die Machleid vor einigen Jahren gesehen hat. Darin ging es um eine Familie, die im Selbstversuch vier Wochen lang auf Plastik verzichtete.
 
So geht’s: Erst den leeren Behälter abwiegen und den Bon aufkleben, dann darf nach Herzenslust abgefüllt werden – ob Müsli, Gummibärchen oder Reis. Bilder: Thomas Neu 77
So geht’s: Erst den leeren Behälter abwiegen und den Bon aufkleben, dann darf nach Herzenslust abgefüllt werden – ob Müsli, Gummibärchen oder Reis. Bilder: Thomas Neu 77
Schockierend empfand es die Bensheimerin, dass vor Beginn des Projekts im Urin und Blut der Familienmitglieder – selbst beim Kleinkind – die häufig in Kunststoffen enthaltenen und als gesundheitsgefährdend eingestuften Weichmacher Phthalate und Bisphenole nachgewiesen werden konnten. Das hat Sabrina Machleid nachdenklich gemacht – sie begann, nach dem Einkaufen Nudeln, Reis und Co. in Gefäße umzufüllen. Und ärgerte sich gleichzeitig über den großen Berg an Plastikverpackungen, der entsorgt werden musste. Das muss doch anders gehen, dachte sich die Bensheimerin, die an der Liebfrauenschule ihr Abitur gemacht hat: die „unverpackt“-Idee nahm langsam Formen an. Sie kündigte ihren Job, um ihren eigenen Laden zu eröffnen. „Das war mutig, manche sagten auch: naiv“, erzählt Machleid. „Aber ich war überzeugt, dass es funktioniert.“ Dass es jetzt zwei Filialen an der Bergstraße gibt, macht die Mutter einer 13 Jahre alten Tochter stolz. Auch, dass sie mittlerweile zwei Teilzeitkräfte und zwei Mini-Jobber beschäftigen kann – „das ist ein gutes Gefühl“.

„Wenn jeder ein bisschen was tut, ist schon sehr viel getan.“

Den neuen Standort mitten in Auerbach hält die junge Unternehmerin für sehr gut geeignet: Hier gebe es mit Metzger, Bäckereien und Obstladen einen guten Mix. „Es kann vieles hier vor Ort erledigt werden.“ Ein weiteres Pluspunkt – etwa auch gegenüber der Bensheimer Innenstadt: Kunden können entlang der B3 für eine Stunde kostenfrei parken. 80 Quadratmeter hat Sabrina Machleid in Auerbach zur Verfügung, inklusive Lagerraum.
 
Für Gespräche und Beratung steht die Ladeninhaberin Sabrina Machleid für ihre Kunden immer gerne bereit. Bilder: Thomas Neu
Für Gespräche und Beratung steht die Ladeninhaberin Sabrina Machleid für ihre Kunden immer gerne bereit. Bilder: Thomas Neu
Die Auswahl bei „unverpackt“ ist groß und reicht von A wie Amaranth bis Z wie Zimtstangen. Über 300 verschiedene Produkte sind erhältlich, darunter rund 150 offene Lebensmittel, die je nach Bedarf abgefüllt werden können. Neben dem Verzicht auf Verpackung und dadurch der Vermeidung von gesundheitsschädlichen Stoffen gibt es bei dieser Art des Einkaufens noch einen weiteren Vorteil: „Man kann genau die Menge kaufen, die man braucht“ – ab zwei Gramm ist alles möglich. Das wiederum hilft, dass weniger Lebensmittel weggeschmissen werden, weil sie nicht mehr haltbar oder verdorben sind. So kann man auch mal neue Produkte ausprobieren und muss nicht gleich große Packungen kaufen, wie sie meist ausschließlich in Supermärkten angeboten werden. Und manchmal braucht man für ein ganz bestimmtes Rezept eben nur eine kleine Menge – sei es Anis, Kurkuma, Quinoa oder Maisgrieß.

„Man kann genau die Mengen kaufen, die man braucht“ – ab zwei Gramm ist alles möglich.

Alle Produkte werden bei „unverpackt“ in Bio-Qualität angeboten – das gehört für Sabrina Machleid zum Konzept: „Naturschutz und Nachhaltigkeit stehen an vorderster Stelle.“ Viele Waren stammen außerdem aus fairem Handel. 
 
Einkaufen fast wie bei Tante Emma Image 2
Besonderen Wert legt Sabrina Machleid darüber hinaus auf Regionalität. Wann immer es möglich ist, setzt sie auf Produkte, die in Deutschland oder Europa produziert werden. Viele ihrer Reissorten zum Beispiel stammen nicht aus Asien, sondern werden in Italien angebaut – der größte Reisproduzent in Europa. Die Unternehmerin arbeitet mit verschiedenen Herstellern und Lieferanten zusammen, die sie sorgfältig auswählt – ein sehr zeitaufwendiger Aspekt ihres Jobs. Mittlerweile gibt es einige Anbieter, die sich auf „unverpackt“-Läden spezialisiert haben. Die Produkte werden in großen (Papier-)Säcken angeliefert, die die zierliche Frau selbst aus dem Lager wuchtet. Neben Lebensmitteln werden in Auerbach auch Kosmetikprodukte für den plastikfreien Alltag angeboten – Körperseife, festes Shampoo und sogar Zahnputztabletten. Außerdem können Wasch- und Reinigungsmittel abgefüllt werden. Gerade in diesen Bereichen lässt sich relativ einfach viel Müll vermeiden.

Komplett ohne Plastik auszukommen, das hat auch Sabrina Machleid noch nicht geschafft. Doch die Menge an Verpackungsmüll ihrer Familie hat sich deutlich reduziert – ein gelber Sack ist beispielsweise erst nach drei Monaten gefüllt. Die Geschäftsfrau wirbt dafür, mit kleinen Schritten anzufangen. „Der Verbraucher hat auch ein Stück weit Macht“, ist die 37-Jährige überzeugt. „Wenn jeder ein bisschen was tut, ist schon sehr viel getan.“
 

Zweimal „unverpackt“

Seit Ende November kann man in Auerbach „unverpackt“ einkaufen. Der kleine Laden in der Darmstädter Straße 190 ist zu folgenden Zeiten geöffnet: Dienstag bis Freitag von 9 bis 13 sowie von 14 bis 18 Uhr, samstags von 9 bis 13 Uhr

Die Filiale an der Bergstraße ist das zweite Geschäft von Sabrina Machleid. „Unverpackt Lorsch“ gibt es seit Oktober 2017 in der Klosterstadt, Bahnhofstraße 14.

www.unverpackt-lorsch.de

Hintergrund: „unverpackt“

Seit knapp drei Monaten gibt es den „unverpackt“-Laden mittlerweile in Auerbach – und die Nachfrage ist groß, wie Inhaberin Sabrina Machleid berichtet. Sie habe schon zuvor viele Kunden aus Bensheim gehabt, die ihr Geschäft in Lorsch aufgesucht haben. Auch bei unserem Besuch herrscht ein reges Kommen und Gehen. Die meisten sind Stammkunden, die schon gut Bescheid wissen und den Ablauf im Laden kennen. Zielstrebig steuern sie mit ihren mitgebrachten Dosen und Gläsern die Waage an. Dort werden zunächst die leeren Behältnisse gewogen, das Gerät spuckt automatisch einen Aufkleber mit dem entsprechenden Gewicht aus. Dann dürfen die Kunden die gewünschten Produkte selbst abfüllen. Am Ende geht es zur Kasse, wo der gefüllte Behälter von der Chefin oder den Mitarbeitern gewogen und der Preis errechnet wird – das Leergewicht wird selbstverständlich wieder abgezogen.

Das Prinzip ist einfach und die „Selbstbedienung“ macht noch dazu Spaß. Auch Kinder haben ihre Freude daran – und für kleine und große Naschkatzen gibt es bei „unverpackt“ ebenfalls eine stattliche Auswahl: Gummibären ohne Gelatine beispielsweise, Schokolade oder auch Lollis. Müsli-Fans können hier ihre ganz persönliche Mischung zusammenstellen und unter rund 30 verschiedenen Flocken und Frühstückscerealien ihre Favoriten raussuchen: von puren Haferflocken über Schoko-Nuss-Crunch und Amaranth bis zum Protein-Müsli.

Wer keine eigenen Behälter mitgebracht hat, muss den Laden nicht mit leeren Händen verlassen: Sabrina Machleid hält immer ein paar gebrauchte Gläser für ihre Kunden bereit, die kostenlos mitgenommen werden können. Außerdem gibt es vor Ort Metallboxen oder Stoffsäckchen – unter anderem mit „unverpackt“-Logo – zu kaufen. Natürlich dürfen die Kunden auch mit Plastikdosen zum Einkaufen kommen. Schließlich werden diese ja immer wiederverwendet und produzieren keinen Müll. „Dass die Leute zu Hause ihre Tupper-Dosen wegwerfen, das ist nicht unser Ziel“, betont Sabrina Machleid.

Hier geht es zum Gewinnspiel:
www.morgenweb.de/stadtmagazin-gewinnspiel.html
Rettig GmbH