Sonderveröffentlichung
Themenspecial Stadtmagazin Bensheim

Frauenpower in Nepal

Die Bensheimer Frauenbeauftragte Marion Huhn besuchte bei einer privaten Reise humanitäre Projekte in Nepal – und ist mit vielen intensiven Eindrücken und neuen Kontakten an die Bergstraße zurückgekehrt.

Text: Thomas Tritsch

Von einer gehaltvollen Reise bringt man eine Menge mit. Neue Eindrücke, besondere Begegnungen, frische Perspektiven. Die wesentlichen Dinge stecken meistens nicht im Koffer, sondern im Kopf. Marion Huhn empfindet „Freude, Demut und Dankbarkeit“. Anfang Dezember besuchte die Bensheimer Frauenbeauftragte im Rahmen einer privaten Reise verschiedene soziale Projekte in Nepal. Im Gepäck: Impressionen, die bleiben.

30 Jahre nach ihrem ersten Besuch im südasiatischen Binnenstaat wollte sie bei ihrem mittlerweile dritten Trip Richtung Kathmandu landschaftliche Entdeckungen und humanitäre Einblicke miteinander verbinden. Denn schon Ende der 1980er Jahre hatten Land und Leute einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen: „Dort entstand das Fundament meiner beruflichen Ausrichtung“, sagt sie rückblickend über ihr Engagement im sozialen Bereich. Im Vorfeld ihrer jüngsten Reise hatte Marion Huhn mit manchem gerechnet. Aber nicht damit, dass der entscheidende Kontaktmann für ihre Tour ausgerechnet im Bensheimer Rathaus sitzt.

„Dort entstand das Fundement meiner beruflichen Ausrichtung“,

sagt Marion Huhn über Nepal.

Stadtrat Adil Oyan hat eine Schwester. Sie ist Verwaltungsattaché in der Deutschen Botschaft in Kathmandu. Und weil Zehra Oyan in Nepal natürlich bestens vernetzt ist, hat sie Marion Huhn bei der Suche nach erfolgreichen humanitären Projekten geholfen. „Sie hat uns die Begegnungen mit den Menschen vor Ort enorm erleichtert“, so die Lautertalerin, die mit zwei guten Bekannten aufgebrochen ist.

Reisebegleiter waren Alwin Heiberger, Jenny Falter und Daniel Roosmann. Nach einer landschaftlich spektakulären Tour im Himalaya-Gebirge über den Poon Hill Trek – ohne Guide und Träger – im zentralen Norden des Landes ging es wieder zurück in die Hauptstadt, wo die kleine Reisegruppe nicht mehr auf hohe Berge, sondern auf eine tiefe menschliche Hilfsbereitschaft stieß.

Frauenpower in Nepal Image 1
„Shakti Milan“ bedeutet in der Amtssprache Nepali „the power of women coming together“. Die „geballte Energie von Frauen“ haben die Bensheimer hautnah miterlebt. Seit 2014 hilft die von den beiden Deutschen Oliver und Kerstin Prothmann gegründete Initiative Frauen, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. In einer Näherei erhalten sie eine handwerkliche Ausbildung und faire Vergütung, die ihnen und ihren Familien ein Stück Selbstständigkeit durch wirtschaftliche Unabhängigkeit ermöglicht.

Eine Perspektive, die in Nepal keineswegs selbstverständlich ist, wie Marion Huhn berichtet: Nepalesische Frauen haben so gut wie keine Rechte. Der Zugang zu Bildung, gesundheitlicher Versorgung und eigenem Besitz bleibt für viele unerreichbar. Stattdessen durchleiden viele Frauen Vergewaltigungen und häusliche Gewalt.

Nach einer HIV-Diagnose werden sie oft von der Familie verstoßen. Auch Kinderarbeit und Prostitution sind keine Seltenheit. „Shakti Milan“ will ihnen gerechte Löhne, soziale Gleichheit und ökonomische Freiheit bieten, um diesen Frauen eine Chance auf ein Auskommen und – ganz wichtig – eine soziale Anerkennung zu ermöglichen.

Im Rahmen des Projekts wurde in Kathmandu auch eine kleine Manufaktur aufgebaut. Aus recycelten Reissäcken entstehen in Handarbeit bunte Taschen, die über diverse Online-Kanäle vertrieben werden. Zwölf Frauen sind dort aktuell beschäftigt, während ihre Kinder eine Betreuung genießen. Arbeit und Erziehung müssen wie anderswo auch unter einen Hut gebracht werden.

Jetzt sollen die Produkte auch in Deutschland bekannter werden, um das Projekt dauerhaft auf eine solide Basis zu stellen. Marion Huhn würde sich freuen, auch an der Bergstraße entsprechende Kontakte herzustellen zu können. „Ein tolles Projekt, das Unterstützung verdient.“ Der Initiative angeschlossen ist ein Kinderhaus, das sich darum kümmert, dass geraubte und versklavte Kinder wieder zu ihren Eltern zurückgebracht werden. Ob es dort bleiben kann, wird je nach individueller Situation entschieden. Im Transitional Home leben traumatisierte Mädchen und Jungen, die dort psychologisch und medizinisch betreut werden.

In der Näherei des Projekts „Shakti Milan“ werden aus alten Reissäcken bunte Taschen produziert. | Bild: Shakti Milan
In der Näherei des Projekts „Shakti Milan“ werden aus alten Reissäcken bunte Taschen produziert. 
| Bild: Shakti Milan
Eine weitere Station der kleinen Bergsträßer Reisegruppe war ein Frauenhaus in Kathmandu, in dem von Gewalt und Menschenhandel betroffene Frauen und Mädchen Zuflucht finden. „Leiterin Indira Gahle leistet großartige Arbeit“, so die Bensheimer Frauenbeauftragte. Gahle gehört zur Kaste der Dalit. So werden heute die Nachfahren der indischen Ureinwohner bezeichnet, die nach der religiös-dogmatischen Unterscheidung im Hinduismus zwischen rituell „reinen“ und „unreinen“ Gesellschaftsgruppen als Unberührbare aus dem Kastensystem ausgeschlossen sind. Die Dalit werden von der Gesellschaft geächtet. Dagegen kämpft Indira Gahle seit 16 Jahren an. Sie setzt sich dabei vor allem für die Rechte der Frauen und der benachteiligten Gruppen in Nepal ein.

Die Lehrerin und Journalistin ist Gründerin von „Change Action Nepal“ (CAN). Eine Nicht-Regierungsorganisation, die Frauen in unterschiedlichen Lebenssituationen unterstützt. CAN bekämpft geschlechtsspezifische Gewalt und moderne Sklaverei zur Entwicklung einer Gesellschaft mit gleichen Chancen für alle Menschen. Das Frauenhaus ist eines von mehreren Projekten. „Sie war selbst ein Opfer und wollte etwas gegen diese Ausgrenzung unternehmen“, so Marion Huhn, die bei den Projekten in Nepal wertvolle Erfahrungen für ihre Aufgaben in Bensheim gemacht hat. Sie will dabei helfen, CAN auch hierzulande bekannter zu machen. Und wer weiß: Vielleicht klappt es irgendwann einmal, dass Vertreter der Organisation nach Bensheim kommen. „Wir bleiben in Kontakt.“

Weitere Infos im Netz

„Shakti Milan“ wurde von der Deutschen Kerstin Prothmann (l.) gegründet. | Bild: Shakti Milan
„Shakti Milan“ wurde von der Deutschen Kerstin Prothmann (l.) gegründet. 
| Bild: Shakti Milan
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