Sonderveröffentlichung
Themenspecial Stadtmagazin Bensheim

Gemeinsam durch die Krise

Arbeiten im Corona-Modus: Aufgrund der Pandemie mussten Abläufe in vielen Bereichen neu organisiert werden.

Maike Möbius leitet das Kinderhaus Effax. | Bild: Thomas Neu  

3.07.2020
Die Corona-Pandemie beeinflusst das Leben der Menschen in unterschiedlichen Bereichen. Das Stadtmagazin zeichnet Auswirkungen der Krise auf die Arbeitswelt sowie auf ehrenamtliche Tätigkeit nach. Führungskräfte aus verschiedenen Institutionen berichten über Abläufe, Veränderungen und Schwierigkeiten bei der Umstellung des Betriebssystems auf Corona-Modus.

Maike Möbius, Leiterin im städtischen Kinderhaus Effax
      
Die Schließung der Kindertagesstätten in Hessen war für das Erzieherinnen-Team des städtischen Kinderhaus Effax eine schwierige Situation. „Wir haben einen Moment gebraucht, um uns zu sortieren“, erinnert sich Kita-Leiterin Maike Möbius an den Moment im März, als die hessische Landesregierung ihre Lockdown-Entscheidung verkündete.
      
Das folgende Wochenende nutzte das Leitungsteam der Einrichtung, um einen Plan für die pädagogische Arbeit unter Corona-Bedingungen zu entwickeln, die abgesehen von der Notbetreuung überwiegend aus dem Home Office erfolgte. „Uns war es wichtig, den Kontakt zu den Kindern und ihren Familien zu halten“, erklärt Maike Möbius die Grundlage des Leitfadens, der mit den zuständigen Stellen des Trägers abgestimmt wurde und fortlaufend an die aktuellen Regelungen angepasst wird. „Die Zusammenarbeit mit der Stadt ist hervorragend, die Diskussionen sind befruchtend“, betont Möbius. Über Briefe, teilweise kombiniert mit Bastelaufgaben für die Kinder, und Telefon oder über Skype wurde die Kommunikation mit den Kita-Kids aufrecht erhalten. Zudem boten sich die Erzieherinnen den Eltern als Gesprächspartner in pädagogischen Fragen an. Eine Möglichkeit, von der Gebrauch gemacht wurde. Viel Energie wurde zudem in die Arbeit am pädagogischen Konzept des Kinderhauses gesteckt. „Wir haben viele Dinge geschafft, für die sonst oft die Zeit fehlt.“
      

„Uns war es wichtig, den Kontakt aufrecht zu erhalten.“


Nach den Lockerungen der vergangenen Wochen mit eingeschränktem Regelbetrieb hat sich die Kita auf die Rückkehr zum uneingeschränkten Regelbetrieb vorbereitet, der ab 6. Juli unter Beachtung der Pandemie-Bestimmungen wieder möglich ist. Dieser Regelbetrieb soll weiterhin in festen Gruppen und festen Räumen erfolgen. Für das Kinderhaus Effax, dessen Konzept auf offenen Gruppen und offenen Funktionsräumen basiert, eine Herausforderung, wie Maike Möbius einräumt.

Beim Wiedereinstieg müssen sich die Kinder erst wieder an den Alltag mit festen Regeln und Strukturen sowie das Miteinander mit Altersgenossen gewöhnen. Dieser Prozess dürfte Erzieherinnen und Eltern in besonderem Maße beanspruchen, vermutet Möbius. Trotz der vielen Fragezeichen, die mit der Rückkehr in den Regelbetrieb verbunden sind, steht im Effax die Freude über das Wiedersehen im Mittelpunkt, unterstreicht die Kita-Leiterin.
      
Doris Bodemann und Sebastian Engelbrecht, DRK-Ortsvereinigung Bensheim
      
DRK-Vorsitzende Doris Bodemann mit Stellvertreter Michael Arnold (l.) und Sebastian Engelbrecht, Zugführer des 1. Sanitätszugs Bergstraße. 
DRK-Vorsitzende Doris Bodemann mit Stellvertreter Michael Arnold (l.) und Sebastian Engelbrecht, Zugführer des 1. Sanitätszugs Bergstraße. 
Mitte April organisierte das DRK Bensheim in Kooperation mit dem DRK-Blutspendedienst einen Termin zur Blutspende in Bensheim. Statt wie sonst üblich an einem Tag in der DRK-Unterkunft wurde die Aktion in die Weststadthalle ausgelagert und erstreckte sich über vier Tage. Das gesamte Prozedere war angepasst an die geltenden Corona-Sicherheitsvorschriften: von der notwendigen Terminreservierung für Spender über die Einhaltung der Hygiene- und Abstandsregelungen bis hin zur straffen Taktung des gesamten Ablaufs.

Da das DRK Bensheim diesmal aus Sicherheitsgründen nicht auf das komplette, eingespielte Helferteam zurückgreifen konnte, mussten neue lokale Zuarbeiter, die nicht zu einer Risikogruppe zählen, zur logistischen und administrativen Unterstützung des Blutspendedienstes akquiriert werden. „Wir haben bei unseren jüngeren Mitgliedern nachgefragt und konnten so einen Helferstab zusammenstellen“, berichtet Doris Bodemann, die Vorsitzende der Bensheimer Ortsvereinigung. Zudem meldeten sich spontan einige Freiwillige, die dem DRK-Team behilflich waren. „Es hat alles sehr gut funktioniert“, blickt Bodemann zurück. Die Anzahl der Spender, insgesamt spendeten 500 Personen an den vier Tagen Blut, bewegte sich auf Vor-Corona-Niveau.

Während die Blutspende-Termine unter den jeweils gültigen Auflagen durchgeführt werden können, ist der örtliche ehrenamtliche DRK-Sanitätsdienst zum Erliegen gekommen. Da alle kulturellen, gesellschaftlichen und sportlichen Events, die in normalen Zeiten vom DRK betreut werden, mit Beginn des Lockdowns abgesagt wurden, sind die ehrenamtlichen Sanitäter derzeit quasi beschäftigungslos.
      

Gemeinsam durch die Krise  Image 1
„Wir müssen an der Puppe oder am lebenden Objekt üben. Das fehlt uns allen“, sagt Sebastian Engelbrecht vom DRK.


Ausgesetzt hat das DRK alle Aus- und Fortbildungsseminare, klärt Sebastian Engelbrecht, Zugführer des 1. Sanitätszugs Bergstraße, auf. Das Ausweichen auf Webinare eignet sich für die Schulungen nur bedingt: „Wir müssen an der Puppe oder am lebenden Objekt üben“, sagt Engelbrecht und hofft auf baldige Schulungsabende und Dienste bei Veranstaltungen. „Das fehlt uns allen.“

Zurzeit ist der 1. Bergsträßer Sanitätszug, der aus Mitgliedern der Ortsvereinigungen Bensheim und Zwingenberg besteht, als Reserveeinheit eingeplant, sollte sich im Verlauf der Corona-Pandemie eine Großlage ergeben. Einsatzort der DRK-Mannschaft wäre in einem solchen Fall das Klinikum in Darmstadt- Eberstadt. Diese Bereitschaft für Sebastian Engelbrecht und sein Team gilt momentan noch bis zum 14. August.
      
Frank Daum, Geschäftsführer des Zweckverbands Kommunalwirtschaft Mittlere Bergstraße
     
Frank Daum, Geschäftsführer des KMB. | Bilder: Thomas Neu  
Frank Daum, Geschäftsführer des KMB. | Bilder: Thomas Neu  
Viel Zeit blieb Frank Daum und seinem Team nicht, um die Arbeitsabläufe bei der Kommunalwirtschaft Mittlere Bergstraße (KMB) auf Krisen-Modus umzustellen. Einen Pandemie-Plan aus Vogelgrippe-Zeiten hatte man zwar in der Schublade, die Herausforderungen im Zusammenhang mit dem Coronavirus waren aber ungleich größer, erläutert der KMB-Geschäftsführer. Auf Erfahrungen aus der Vergangenheit konnte daher nicht zurückgegriffen werden. „So was gab es bisher nicht.“ Trotz der Wucht des Lockdowns schaffte es der KMB innerhalb kurzer Zeit, einen innerbetrieblichen Corona-Pandemieplan zu erarbeiten. „Wir sind nicht in Panik geraten.“

Es wurde ein Konzept für den flexiblen Einsatz des Personals erstellt. Das eingeführte Schichtsystem hat sich bewährt und wird weiter fortgeführt. Die systemrelevanten KMB-Leistungen, die auch unter erschwerten personellen Bedingungen unbedingt aufrecht zu erhalten sind, wurden definiert. Daum nennt hier das Bestattungswesen, die öffentliche Abfallbeseitigung oder die Abwasserentsorgung. Entlang dieser Prioritäten ist die Personalsteuerung ausgerichtet. Das beinhaltet etwa auf dem Sektor Abwasserentsorgung die strikte räumliche Trennung von Führungskräften. Während der Klärmeister seinen Dienst weiterhin in der Kläranlage Bensheim versieht, wirkt sein Stellvertreter seit Beginn der Pandemie in der Vorbehandlungsanlage in Einhausen. „Das war eine der ersten Maßnahmen im Personalbereich“, sagt Daum.

Bislang konnte der Zweckverband mit seinen insgesamt 110 Mitarbeitern aufgrund eines stabilen Personalstands seine Aufgaben ohne Einschränkungen erfüllen. So konnten die Arbeiten an den KMB-Baustellen ohne Unterbrechung fortgesetzt werden. Auch Sondereinsätze wie die Schließung und die erforderliche Schilderkennzeichnung der rund 50 Spielplätze im Bensheimer Stadtgebiet innerhalb von 24 Stunden wuppte die Bauhof-Truppe.

Die größte Sorge Daums ist ein Infektionsfall in der Belegschaft, der weitere Quarantäne-Maßnahmen für die Beschäftigten zur Folge haben könnte. „Das ist bisher zum Glück nicht eingetreten.“ Bei diesem Szenario würden die Leistungen auf das Notwendigste zurückgefahren werden. „Die Pflege von Grünflächen würden wir dann vernachlässigen.“
    
Tanja Eichelbaum, Betriebsleiterin des Awo-Sozialzentrums Bensheim
     
Tanja Eichelbaum, Betriebsleiterin des Awo-Sozialzentrums. | Bild: Thomas Neu
Tanja Eichelbaum, Betriebsleiterin des Awo-Sozialzentrums. | Bild: Thomas Neu
Vor Ausbruch der Corona-Pandemie war das Awo-Sozialzentrum in der Eifelstraße eine Begegnungsstätte, in der Kontakt und Austausch mit Menschen außerhalb des Alten- und Pflegeheims regelmäßig stattfanden. Besuche, das Cafeteria-Angebot oder sonstige Veranstaltungen im Haus waren und sind seit Mitte März untersagt oder strengen Vorschriften unterworfen. Lockerungen gab es zuletzt bei den Besuchsregelungen. „Bei uns hat sich sehr viel verändert“, schaut Betriebsleiterin Tanja Eichelbaum auf die neuen Abläufe in der 150-Betten-Einrichtung.

Einfach war die Umstellung nicht, berichtet Eichelbaum. Vor allem in den ersten Tagen nach dem Lockdown war die Verunsicherung innerhalb der 140-köpfigen Belegschaft spürbar. „Wir hatten schon ein bisschen Panik.“ Groß war vor allem die Befürchtung, dass Mitarbeiter das Virus von außen in die Einrichtung tragen könnten – mit verheerenden Konsequenzen für die Bewohner, die aufgrund ihres Alters und Vorerkrankungen nahezu ausnahmslos zur Risikogruppe zählen. „Davor hatte jeder Angst.“ Zumal in der Anfangsphase die fehlende Schutzausrüstung das Arbeiten erschwerte.

Inzwischen verfügt man zumindest über einen ausreichenden Bestand an Mund- und Nasenschutz. Die Bewohner des Sozialzentrums, die die derzeitige Bedrohungslage realisieren, gehen gefasst mit der Situation um. „Die meisten sagen: Wir haben schon so viel erlebt, das überstehen wir auch“, erzählt Tanja Eichelbaum. Die Umsetzung eines Hygienekonzepts war für das Awo-Team die kleinste Herausforderung. „Das begleitet uns ständig, etwa in jeder Influenza-Saison.“ Der Schwerpunkt für die Pflegekräfte lag und liegt aufgrund der Besuchssperre beziehungsweise der Kontaktbeschränkungen auf der intensiven sozialen Betreuung der Bewohner. Um diese gewährleisten zu können, wurde die Zahl der Beschäftigten leicht erhöht.

Zusätzlich sind seit der Lockerung der Besuchsbeschränkungen zwei Mitarbeiter ausschließlich damit beschäftigt, die Besuchstermine zu organisieren. Zunächst fanden die Besuche unter besonderen Sicherheitsvorkehrungen an einer Art Drive-in-Schalter hinter Plexiglas statt, jetzt wurde das Ganze in einen Container ausgelagert. „Das ermöglicht mehr Privatsphäre.“ Das lange Besuchsverbot kann die Beziehung von dementen Bewohnern zu ihren Familien nachhaltig negativ beeinflussen, sagt Tanja Eichelbaum besorgt. „Es könnte sein, dass einige ihre Kinder und Enkel nun nicht mehr erkennen.“ Weitere Lockerungen für Alten- und Pflegeheime sieht Eichelbaum skeptisch und plädiert zum Schutz der Bewohner für einen konsequenten Kurs. Der Umgang mit dem Coronavirus werde die Arbeit in diesen Einrichtungen dauerhaft verändern. Von Eric Horn