Sonderveröffentlichung
Themenspecial Stadtmagazin Bensheim

Genuss trifft Musik

„ ... und ewig kocht das Weib“: Ein aromatisch facettenreiches Chanson- Programm von Jeanette Giese mit musikalischen Häppchen, die auf der Zunge zergehen. Von zartbitter bis süßsauer, alles scharf gewürzt und schwungvoll serviert. Dass die Sängerin auch an der heißen Herdplatte einen guten Ton pflegt, erlebte das Stadtmagazin bei einem besonders klangvollen Hausbesuch.

Text: Thomas Tritsch 

Das alte Gebäude in der noch älteren Zwingenberger Altstadt ist Refugium und Studio, Lebensraum und Arbeitsplatz. In dem wunderbar restaurierten Bauwerk aus dem Jahr 1832 lebt Jeanette Giese mit Peter Moss – künstlerischer und privater Partner, Dirigent, Produzent und Arrangeur, Multiinstrumentalist und Musikkenner. Und Brite. Das Vorurteil, dass es die Insulaner mit der Kulinarik nicht so genau nehmen, versäuft im ersten Schluck Bordeaux. Der reife 2011er ist fast schwarz und undurchdringlich in der Farbe. In Volumen, Rasse und Länge ein idealer Begleiter zur weltberühmten Komposition, die Jeanette Giese für diesen Anlass ausgesucht hat. Ein Gesamtkunstwerk aus feinen Zutaten, ein veritabler Klassiker der französischen Küche. Der Abend als geschmackvoller Einakter auf höchstem Niveau.

„Ich bin glücklich dort, wo ich heute bin“, sagt die gebürtige Rheinländerin.

Tournedos Rossini heißt die spezielle Garnitur eines Filetsteaks, die in vielen Gourmetrestaurants zum guten Ton gehört. Dafür werden kleine Rindermedaillons kurz gebraten und mit einer großzügigen Scheibe Gänsestopfleber belegt. Vollendet wird das Gericht mit einer Madeirasauce, die im Sud des Fleischs noch einmal kurz aufgehen darf, bevor sie über das vertikal prägnante Essen geträufelt wird.

Die Zubereitungsart stammt vom Küchenchef des Pariser Restaurants Maison dorée, Monsieur Casimir Moisson. Eine französische Hommage an den italienischen Komponisten Gioachino Antonio Rossini, der ja auch kulinarisch ein überaus leidenschaftlicher Zeitgenosse war. In einem überlieferten Zitat gesteht er, in seinem Leben dreimal wirklich geweint zu haben: „Als meine erste Oper durchfiel, als ich Paganini die Violine spielen hörte und als bei einem Bootspicknick ein getrüffelter Truthahn über Bord fiel.“

Jeanette Giese und ihr Partner Peter Moss servierten für das Stadtmagazin neben musikalischen Einlagen einen Klassiker aus der französischen Küche: Tournedos Rossini. / Bilder: Thomas Neu
Jeanette Giese und ihr Partner Peter Moss servierten für das Stadtmagazin neben musikalischen Einlagen einen Klassiker aus der französischen Küche: Tournedos Rossini. / Bilder: Thomas Neu
Ins Wasser gefallen ist an diesem Abend glücklicherweise überhaupt nichts. Auch wenn die Gastgeber mit Auftritten auf hoher See durchaus Erfahrung haben. Kennengelernt haben sie sich ebenfalls in Bühnennähe: auf Tournee mit dem Musical „Phantom der Oper“. Moss hatte das Orchester für die Neuinszenierung mit Deborah Sasson zusammengestellt. Jeanette Giese sang und spielte die Carlotta. Etwas egozentrisch, etwas zickig. Es hat gepasst. Seit 2014 leben beide in Zwingenberg. Hier residiert auch die VoiceAkademie, in der sie Sprechtraining, Gesangsunterricht und verschiedene Workshops anbieten. In der oberen Etage ist ein brandneues Studio eingerichtet.

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Ein Kreativraum, mitten im Ort, mitten im Leben. „Die Lage ist ideal für uns“, so Jeanette Giese, die an der Musikhochschule in Detmold und am Peter-Cornelius-Konservatorium in Mainz Gesang studiert hat. Danach lernte sie klassischen Operngesang und besuchte die Schauspielschule in Hannover. In ihr fusionieren rheinisches Temperament, eine starke Stimme und kommunikative Energie. „Mich interessiert die Erzählkraft eines Chansons“, sagt sie. Neben der Schönheit einer Koloratur ist es vor allem die emotionale Qualität eines Werks, die sie gesanglich erkunden möchte. Über Kurt Weill entdeckt sie das Chanson des frühen deutschen Kabaretts und später auch die Filmschlager der 1920er bis 50er Jahre für sich. Die Giese versteht es, den Geist einer Epoche einzufangen und in die Gegenwart zu übersetzen.

Bekannte Walküre: „Brünhilds Schrei“ hat Jeanette Giese gut 200 Mal gespielt.

Trotz ihrer Erfahrung auf den großen Bühnen gilt ihre Leidenschaft daher nach wie vor dem kleinen Theater, dem Kabarett, der intimen musikalischen Revue. Sie schätzt die unmittelbare Nähe zum Publikum, das sich von der künstlerischen Präsenz der stimmgewaltigen Mezzosopranistin gerne anstecken lässt. „Ich bin glücklich dort, wo ich heute bin“, sagt sie und meint das in beruflicher wie privater Hinsicht. Dann schweift ihr Blick hinüber zum alten Piano, an dem sie als junges Mädchen Klavierunterricht hatte und das heute im Zentrum des Wohnraums steht. Die strenge Lehrerin hatte die künstlerischen Ambitionen der Fünfjährigen in eine klassische Richtung gelenkt, sie an Bartók, Beethoven und Brahms herangeführt und ihre Begeisterung für anspruchsvolle Musik, Malerei und Literatur geweckt.

In einer kleinen Kochpause flitzt Peter Moss an die Tasten und spielt zwei Titel aus dem „Hair“-Musical. „Let the Sunshine in“ und „Aquarius“ im Küchendunst. Alle singen mit. Alle Sinne laufen heiß. Danach wird angerichtet. Das schöne Baguette mit knuspriger Kruste und lockerem Innenleben wird zunächst in Trüffelbutter auf beiden Seiten leicht kross ausgebacken. Im Ofen wartet es auf die Kollegen. Auch das Filet mignon wird nur einmal in der Pfanne gewendet, um saftig und zart zu bleiben.

„Was die Liebe für die Seele ist, das ist der Appetit für den Leib“, zitiert Giese Rossini. Er hat den kulinarischen Genuss in einen musikalischen Kontext übertragen. „Der Magen ist der Kapellmeister, der das große Orchester unserer Leidenschaften dirigiert. Essen, Lieben, Singen, Verdauen sind die vier Akte der komischen Oper, die Leben heißt.“ Eine wunderbare Komposition. Als Ouvertüre gibt es Sekt vom Rhein. Eine perlende Fußnote zu Köln, wo die Sängerin geboren ist. Viele Erinnerungen. Seit 23 Jahren lebt sie an der Bergstraße – zunächst in Bensheim, jetzt in Zwingenberg. In der Region wurde sie vor allem in der Rolle einer burgundischen Walküre bekannt. „Brünhilds Schrei“ hat sie gut 200 Mal gespielt.

Doch das Spektrum ist weitaus breiter. Jeanette Giese spielt Programme mit Werken von Tucholsky und Kästner, Weill und Busch sowie musikalisch-literarische Eigenproduktionen wie „Haben Sie schon mal im Dunkeln geküsst?“ oder „Mordsweiber“. Mit dem bunten Ensemble des Theaters Fortepiano tourt sie seit bald 15 Jahren über deutsche Bühnen. Zu Hause an der Bergstraße kennt man sie als vielseitige Akteurin an der regionalen Kulturfront. Bis 2018 hat sie als Projektleiterin das Bensheimer Lesefestival organisiert. An unzählige Momente mit vielen interessanten Autoren erinnert sie sich immer wieder gern. Doch der Blick geht nach vorn. Am 31. März ist sie im Parktheater mit der Show „Histörrische Frauen – Europas Töchter“ zu sehen.

Nostalgie, aber ohne übertriebene Sehnsucht nach Vergangenem: Auch Peter Moss verliert sich nicht in der Retrospektive. Dafür atmet er viel zu sehr im Hier und Jetzt. Doch beim Blick auf Schnappschüsse von früher kommen viele Momente zurück. Schon als Teenager in den 60er Jahren hat er sich tief in der Londoner Musikszene bewegt. In den 70ern und 80ern arbeitet er als Produzent und Arrangeur mit Alan Parsons, Al Stewart und Billy Ocean, um nur einige zu nennen. Moss war im Orchester der Original-Produktion von „The Rocky Horror Show“ im Londoner Comedy Theatre und arbeitete eng mit dem britischen Rockmusiker und Comedian Vivian Stanshall zusammen.

In den 1990er Jahren betreute der erfahrene BBC-Dirigent Tourneen mit Künstlern wie Peter Hofmann, Deborah Sasson und der kanadischen Sopranistin Anna-Maria Kaufmann. 27 Jahre lang war er musikalischer Leiter und Arrangeur für die preisgekrönte Sendung „News Huddlines“, die wöchentlich von BBC London ausgestrahlt wurde. Seit 2010 tourt er regelmäßig mit dem von ihm formierten The United Kingdom Ukulele Orchestra (TUKUO) um die Welt. Moss spielt Gitarre, Bass, Keyboard, Schlagzeug und einiges mehr.

Während Moss die nächste Flasche Rotwein entkorkt, verfeinert Jeanette Giese die Tournedos mit ein paar Krümeln grobem Rosensalz. Flankiert wird das Gericht von einem kleinen Gemüsebett als pflanzlicher Komparse, der dem Hauptdarsteller den großen Auftritt überlässt. In diesem Fall auf einem betagten Rosenthal- Geschirr von Gieses Großvater. Eine pointierte Inszenierung auf elegantem Bühnenbild. Rossini hätte es bestimmt gefallen.

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HAUPTGERICHT

Genuss trifft Musik Image 2
Zutaten für 4 Personen:
4 Rinderfilets, 200 g Foie gras (Stopfleber), 4 Scheiben Weißbrot, 100 g Trüffelbutter, 1/2 Glas Madeira, Salz, Pfeffer

Zubereitung:
Die Brotscheiben auf jeder Seite in etwas Trüffelbutter anbraten und warm stellen. Die Foie gras in 4 kleine Scheiben schneiden. Die Tournedos auf jeder Seite 3 Minuten in der restlichen Butter anbraten, salzen, pfeffern, auf die Brotscheiben legen und warm stellen. In derselben sehr heißen Pfanne nun die Foie-gras-Scheiben auf jeder Seite 15 Sekunden anbraten, salzen und pfeffern und auf die Tournedos legen. Warm stellen.

Den Madeira in die Pfanne gießen und den Bratensatz ablösen, die Soße ein wenig einkochen lassen. Soße mit den Tournedos servieren.
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