Sonderveröffentlichung
Themenspecial Stadtmagazin Bensheim

„Hamlet ist eine sehr komplexe Rolle“

„Hamlet ist eine sehr komplexe Rolle“

Für ihre Rolle als Hamlet am Schauspielhaus Bochum wird Sandra Hüller am 14. März im Bensheimer Parktheater der Gertrud-Eysoldt-Preis verliehen. Bild: JU Bochum

18.02.2020

Von Thomas Tritsch 

Viele kennen die Schauspielerin aus Filmen wie „Toni Erdmann“, „In den Gängen“ oder „25 Kilometer pro Stunde“. Vor 20 Jahren hatte Sandra Hüller ihr Bühnenjubiläum in Jena, das nun mit einem der wichtigsten Theaterpreise im deutschsprachigen Raum gekrönt wird. Vor ihr wurden unter anderen Klaus Maria Brandauer, Nina Hoss, Gert Voss und Sophie Rois in Bensheim ausgezeichnet. In der Jurybegründung heißt es, dass Hüllers leidenschaftliche und entschiedene Auseinandersetzung mit der Hamletfigur auch eine Auseinandersetzung mit der Bühnenkunst als solcher sei. Hüllers Verstrickung in das Drama sei eine wahrhaftige, keine hergestellte, und ihre Kunst bestehe genau darin, diese im landläufigen Sinne zu verweigern. „Sandra Hüller wendet keine Mittel an, ergreift keine Maßnahmen, sondern lässt sich gefangen nehmen“, kommentierte die Jury aus Barbara Frey, Wolfram Koch und Lisa-Katrina Mayer.     

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„Hamlets Brillanz, seine intellektuelle, wenn auch leider nicht tatkräftige Überlegenheit könnten nicht besser herausgearbeitet sein als in dieser Interpretation durch eine feinnervige, hoch motivierte Schauspielerin“, schrieb ein Kritiker über den Bochumer Hamlet. Frau Hüller, spüren Sie es bereits im Spiel, dass eine Rolle eventuell für hohe Aufmerksamkeit sorgen wird?
 
Sandra Hüller ist derzeit noch in zwei weiteren Produktionen am Schauspielhaus Bochum zu sehen: „Hydra“...
Sandra Hüller ist derzeit noch in zwei weiteren Produktionen am Schauspielhaus Bochum zu sehen: „Hydra“...
Sandra Hüller: Glauben Sie wirklich, dass es möglich ist, auf diese Weise zu arbeiten und dennoch zu dem oben beschriebenen Ergebnis zu kommen? Es würde die Arbeit sehr viel äußerlicher machen, ja geradezu unseriös. Hamlet ist eine ziemlich komplexe Rolle. Ehrlich gesagt, war ich vor allem damit beschäftigt, ihm dabei zu helfen, sich verständlich zu machen.

Wie ist es gelungen, so viel Energie und Präsenz auf diese leere, weite Bühne zu bringen?

Sandra Hüller: Ich denke, wir konzentrieren uns alle sehr, vertrauen uns und einander und lassen viel Überflüssiges weg.

Wie haben Sie sich als Frau an die Figur angenähert?

Sandra Hüller: Ich habe mich als Mensch an die Figur angenähert. Ich habe nicht über Männer und Frauen nachgedacht.

„Ich freue mich immer sehr und bin zutiefst dankbar, wenn Menschen meine Arbeit mögen und vielleicht honorieren.“

Sie sind lange mit Johan Simons verbunden. Was verbindet sie beide besonders?

Sandra Hüller: Neben aller beruflichen Nähe hat er meistens einen tollen Humor und weiß, wie man gut lebt, ist außerdem sehr ehrlich und treu.

Die Aufmerksamkeit nach „Toni Erdmann“ war enorm. Nervt Sie das?
 
...und „Penthesilea“ (hier mit Jens Harzer als Achilles). Bilder: Thomas Aurin, Monika Rittershaus
...und „Penthesilea“ (hier mit Jens Harzer als Achilles). Bilder: Thomas Aurin, Monika Rittershaus
Sandra Hüller: Nein, warum? Nur, wenn daraus Ansprüche und Erwartungen würden, fände ich das anstrengend.

Sie stammen aus Thüringen, sind in Suhl geboren, wuchsen in Oberhof und Friedrichroda auf. Wie oft denken Sie an Ihre DDR-Kindheit?

Sandra Hüller: Immer, wenn mich ein Journalist danach fragt.

Mit 17 haben Sie sich an der Ernst-Busch-Schauspielschule in Berlin beworben – erfolgreich. Wie viel Schneid war dafür nötig?

Sandra Hüller: Sie meinen, ob das mutig war? Vielleicht. Andererseits war ich ja so jung, dass mit dem Scheitern nicht alles zu Ende gewesen wäre. Arbeit hat es sicher gemacht. Und aufregend war es.

Was hätten Sie gemacht, wenn Sie abgelehnt worden wären?

Sandra Hüller: Ich hätte es wahrscheinlich nicht noch mal versucht und hätte etwas anderes ausprobiert.

Es gibt ja das Klischee des eitlen Künstlers: Ist ein gewisses Maß an Selbstliebe auf der Bühne nicht notwendig, um so exponiert in einer Rolle aufgehen zu können?

Sandra Hüller: Zunächst würde ich sagen, dass es da einen Unterschied gibt: Eitelkeit ist keine Selbstliebe. Eitelkeit ist, wenn man sich selbst besser finden möchte als alle anderen. Und das halte ich eher für hinderlich in diesem Beruf. Im Gegenteil, wir arbeiten immer zusammen und, ja, es ist von Vorteil, sich selbst gut zu kennen. Wahrscheinlich mag man sich dann auch.

Vor zehn Jahren haben Sie Courtney Love in der Tanzperformance „In Love“, auch in Heidelberg, gespielt. Sie galt als zerrissene, extreme Persönlichkeit. Was hat Sie an der Rolle gereizt?

Sandra Hüller: Courtney Love war ein Idol meiner Jugend. Ich mochte ihre Wut und die schier unendliche Kraft, die sie ausstrahlte bei aller Verletzlichkeit. Eine tolle Musikerin, die durch den Tod ihres Mannes einiges abgekriegt hat vom offenen Sexismus dieser Zeit. Eigentlich wollten wir ihr etwas schenken mit dem Stück, deshalb heißt es auch so.

Sie haben bereits zig Theater- und Filmpreise. Was bedeuten Ihnen Auszeichnungen wie zuletzt der Eysoldt-Ring oder der Berliner Theaterpreis?

Sandra Hüller: Zig sind es, glaube ich nicht, oder? Ich freue mich immer sehr und bin zutiefst dankbar, wenn Menschen meine Arbeit mögen und vielleicht honorieren. Es ist niemals selbstverständlich. Und vergänglich ist es auch.

Hier geht es zum Gewinnspiel:
www.morgenweb.de/stadtmagazin-gewinnspiel.html 
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