Sonderveröffentlichung
Themenspecial Stadtmagazin Bensheim

Kleine Kirche im Rampenlicht


Fernsehbilder aus Bensheim: Pfarrer Förg ist mittlerweile bundesweit bekannt. Bild: Dietmar Funck

3.07.2020

Die Bensheimer Hospitalkirche ist in den vergangenen Monaten bundesweit bekannt geworden: Mitte Juni sendete das ZDF bereits zum vierten Mal innerhalb weniger Wochen einen Fernsehgottesdienst aus dem kleinen Gotteshaus. Für die Verantwortlichen gibt es gleich mehrere Gründe, die für die Ausstrahlung aus Bensheim sprechen.    
         
Die 1,5 Kilometer Kabel müssen verlegt werden, vier Kameras werden in Position gebracht, 15 Mikrofone angeschlossen, 40 Scheinwerfer ein- und ausgerichtet: Bis die Live-Übertragung des ZDF-Fernsehgottesdienstes steht, sind 25 Mitarbeiter bereits zwei Tage vorher am Ort des Geschehens – in diesem Fall die Hospitalkirche am Rande der Bensheimer Fußgängerzone.
      

Jede Handlung und jedes Wort wird sekundengenau getaktet.


Dreh- und Angelpunkt ist der ZDF-Übertragungswagen, der am Hospitalbrunnen stationiert ist, von hier aus wird die Sendung „gefahren“, wie es im Branchendeutsch heißt.
„Klein heißt nicht automatisch wenig“, erklärt der technische Leiter Herbert Rösch, dass die verhältnismäßig kleine Hospitalkirche mitunter einen größeren Aufwand als ein Dom oder eine große Kirche mit sich bringt, bis sie „fernsehtauglich“ in Szene gesetzt ist. Insbesondere der corona-bedingte Ausschluss der Gemeinde bringt besondere Herausforderungen mit sich: „Die Lichttechnik muss jede Wand und jede Ecke professionell ausleuchten, weil alles im Bild zu sehen ist“, sagt Rösch.
      
Regisseurin Petra Schaffer sorgt dafür, dass im TV schließlich das abgebildet wird, was wichtig ist: Hierfür berät sie sich mit der Bensheimerin Karoline Knop von der Katholischen Fernseharbeit (KFA), die mit ihr bereits freitags jede einzelne Sequenz durchgeht. Die Grundlage dafür bildet ein von Knop verfasstes Drehbuch, in dem jede Handlung und jedes gesprochene Wort festgehalten und zeitlich berechnet ist. Es ist das Ergebnis einer intensiven Gottesdienstvorbereitung von Pfarrer, Redaktion, KFA und Kirchenmusiker, die vor allem ein Ziel im Blick hat: dem Gläubigen zu Hause die Möglichkeit des Mitfeierns zu geben.

Für alle Beteiligten bedeutet die Übertragung der Gottesdienste während der Corona-Krise eine besondere Herausforderung. Und da kommen die Standortvorteile von Bensheim zum Tragen: Da wäre zum einen die Nähe zu Mainz, so dass alle Beteiligten über Nacht zu Hause sein können. Zum anderen wohnt in Bensheim mit Pfarrer Heinz Förg ein kameraerfahrener Priester, der mit seinem täglichen Internet-„Tagessegen“ (www.tagessegen.de) inzwischen fast 100000 Menschen erreicht. Er hat die Gabe, trotz Kamera „Nähe herzustellen“. Er ist es auch, der die Zuschauer vor der Hospitalkirche willkommen heißt und zum Gottesdienst begrüßt.
      
Gleich zu Beginn kommt Ulrike Schaider zu Wort. Die Leiterin des Caritasheims beschreibt die coronabedingten besonderen Umstände, die für die Bewohner des Altenheims große Einschränkungen mit sich bringen, mit denen man dort aber kreativ umgeht: Es gab Konzerte im Park oder „Fensterbesuche“, viele Bewohner haben auch die digitalen Kommunikationsmöglichkeiten für sich entdeckt. Dr. Marius Contzen, Chefarzt am Heilig-Geist-Hospital, schildert, wie es auf der Intensivstation der Klinik trotz Besuchsverbots gelungen ist, dass die Patienten mit den Angehörigen Kontakt halten konnten und wie man diese über viele Telefonate „ins Haus“ geholt hat. Die musikalische Gestaltung des Gottesdienstes übernimmt ein Quartett des Jungen Vokalensembles Sankt Georg unter der Leitung von Regionalkantor Gregor Knop, der auch die Orgel spielt. Mit Mozarts „Ave Verum“ bringt es einen Klassiker zu Gehör und sorgt sonst für viele vierstimmig dargebotene Gottesloblieder zum Mitsingen.
      

In seiner Predigt geht Pfarrer Förg auf das Thema Ausgrenzung ein und darauf, wie man anderen, aber auch sich selbst, gerade in Krisenzeiten Aufmerksamkeit schenken kann.
„Wir Christen sind gefragt, unterwegs zu den Menschen zu sein, als Mutmacher in Erscheinung zu treten und Orientierung zu geben“, beschreibt es Förg, was es für einen Christen heißt, Verantwortung zu übernehmen. Die gesamte Übertragung ist auf die Sekunde genau getaktet: Nach exakt 44 Minuten und 30 Sekunden, um genau 10.15 Uhr, zeigen Drohnenaufnahmen – eine Totale Bensheims mit der Bergstraße im Hintergrund – das letzte Bild.
      
Im Bilm ZDF-Regisseurin Petra Schaffer (r.) und Karoline Knop von der Katholischen Fernseharbeit. Bilder: Dietmar Funck
Im Bilm ZDF-Regisseurin Petra Schaffer (r.) und Karoline Knop von der Katholischen Fernseharbeit. Bilder: Dietmar Funck
Auch die vierte Gottesdienstübertragung ist geschafft, und wieder haben über eine Million Zuschauer eingeschaltet. Im Anschluss gingen über 5000 Anrufe von Zuschauern bei einem extra eingerichteten Telefondienst ein. Die Resonanz ist überwältigend, die Rückmeldungen durchweg positiv. Viele Zuschauer fühlen sich schon als „richtige Bensheimer“ und loben die familiäre Atmosphäre, den schönen Gesang und insbesondere Pfarrer Heinz Förg für seine überzeugende und verbindende Art und für seine Gabe, Leute mitzunehmen. Die Zuschauer honorieren das vertraute Bild, das mittlerweile regelmäßig aus Bensheim gesendet wird. Der Segen Gottes aus Bensheim kommt bundesweit gut an. Von Matthias Schaider