Sonderveröffentlichung
Themenspecial Chronik 2020

Kleines Virus, ungeheure Folgen

Pandemie: Das Coronavirus und seine Begleiterscheinungen näherten sich der Bergstraße zunächst langsam, aber unaufhaltsam, um sich dann auszubreiten wie die Wellen in einem Teich, nachdem jemand einen Stein hineingeworfen hat.

Quelle: Kreis Bergstraße/Redaktionsschluss: 14. Dezember 2020 grafiKS Kai Segelken

24.12.2020
Lange kannten die Menschen in der Region die Epidemie, die zur Pandemie wurde, nur aus den überregionalen Nachrichten. Einer der ersten Berichte im Lokalteil dieser Zeitung zum Thema drehte sich dann darum, dass der Lebensmittelkonzern Unilever seinen Mitarbeitern, auch denen des Langnese-Werks in Heppenheim, Dienstreisen nach Italien verbot, wo sich das Virus früher ausbreitete als in Deutschland. Das war am 25. Februar.

Danach ging alles ganz schnell. Vier Tage später meldete der Bergsträßer Anzeiger, dass die Apotheken kaum noch der steigenden Nachfrage nach Mundschutz und Desinfektionsmitteln nachkommen. Der Artikel erschien an einem Samstag, am Sonntag meldete das Landratsamt in Heppenheim den ersten Corona-Fall im Kreis Bergstraße. Schritt für Schritt drängte sich das Virus weiter in den Alltag der Menschen. Klopapier und Nudeln waren nicht mehr auf Anhieb im Supermarkt zu kriegen. Der Kindergarten in Beedenkirchen musste schließen, weil es in seinem Umfeld eine Infektion gab. 100 Schüler der Martin-Luther-Schule in Rimbach kamen nach ihrer Rückkehr von einer Skifreizeit in Quarantäne, weil einige Kinder Symptome gezeigt hatten. Infiziert hatten sie sich nicht.

Immer häufiger fielen aber Corona-Tests positiv aus. Die Kreisverwaltung schaltete in den Krisenmodus, Mitarbeiter aus verschiedenen Abteilungen wurden zum Gesund Ansteheitsamt abgeordnet. Die Kassenärztliche Vereinigung eröffnete ein Testzentrum in Heppenheim.

Mitte März kamen die Verordnungen des Landes Hessen im Tagestakt. Erst verkündete Wiesbaden die Schließung der Schulen und Kindergärten bis nach den Osterferien. Die Bergsträßer Abiturienten absolvierten ihre Prüfungen mit Mindestabstand in desinfizierten Klassenzimmern. Ende März gab das Landratsamt den ersten Todesfall im Kreis bekannt, der mit dem Virus in Verbindung gebracht wurde. Derweil schlossen Museen, Theater, Spielplätze, Schwimmbäder und später auch Gaststätten und Geschäfte auf Verordnung der Landesregierung, die auch touristische Hotelübernachtungen und Gottesdienste untersagte und Kontaktbeschränkungen verfügte. Untersagt wurden auch Besuche in Alten- und Pflegeheimen.

Lockdown“ war der Begriff dafür, der sich neben anderen Vokabeln, die zuvor kaum jemand benutzt hatte, in die Zeilen dieser Zeitung einreihte. Auch „Hygienekonzept“, „Inzidenz“ oder „Aerosol“ erkämpften sich ihre Plätze in den Wortschätzen.

In der Krise taten sich viele Menschen mit Solidarität und Ideenreichtum hervor. Freiwillige organisierten Einkaufshilfen für ältere Menschen. Als die Mundschutzpflicht kam, nähte, wer das konnte, für andere Menschen Masken mit. Vertreter der gebeutelten Kulturszene taten sich zusammen und hoben die Aktion „Die Bergstraße leuchtet“ aus der Taufe, bei dem nachts repräsentative Gebäude illuminiert wurden. So machten die Künstler auf die Lage ihrer Branche aufmerksam. Als die Spargelsaison drohte zu scheitern, weil keine und später nur wenige osteuropäische Feldarbeiter zur Ernte nach Deutschland kommen konnten, halfen Bergsträßer aus, darunter viele, die in Kurzarbeit waren und sich über eine sinnvolle Beschäftigung freuten.

Es gab auch Protest. In Bensheim fanden Demonstrationen gegen die Verordnungen und gegen eine – nicht zur Debatte stehende – Impfpflicht statt. Neben besorgten Bürgern, die an den Maßnahmen zweifelten, fanden sich auch Personen ein, die Weltverschwörungen und „Corona-Lügen“ witterten.

Der erste „Lockdown“ wurde schließlich überwunden. Ab April gab es Lockerungen, die Schüler kehrten in die Klassen zurück, im Mai öffneten auch die Restaurants, im Juni die Kindergärten. Gottesdienste fanden wieder statt, Schwimmbäder luden unter strengen Hygieneregeln zur Abkühlung ein. Sonne, lange Tage, Grillen und kühle Getränke waren auch im Corona-Sommer angesagt. Im Herbst kam dann die zweite Welle, vor der Experten immer wieder gewarnt hatten – wobei die Pandemie auch in der Zwischenzeit nie überwunden gewesen war.

Ende September häuften sich die Infektionen an den Schulen im Kreis. Auch andernorts stiegen die Ansteckungszahlen nach und nach wieder an. Und es starben mehr Menschen im Zusammenhang mit dem Virus. Einen entscheidenden Infektionsherd gab es nach Angaben des Gesundheitsamts nicht, stattdessen verteilten sich die Fälle auf den ganzen Kreis, was die Nachverfolgung der Ansteckungsquellen schwierig machte.

Um das Gesundheitsamt zu unterstützen, schickte die Bundeswehr Soldaten. Ende Oktober verfügte die Kreisverwaltung strengere Regelungen als jene, die die Landesregierung für ganz Hessen festgesetzt hatte, mit Maskenpflicht in den weiterführenden Schulen und neuen Kontaktbeschränkungen auf fünf Personen, verteilt auf zwei Haushalte. Inzwischen gilt das angesichts der Lage landesweit. Die Gaststätten schlossen wieder. Mitte November folgte der nächste Schritt: Wechselunterricht, die Bergsträßer Schüler wurden bis zu den Weihnachtsferien in Gruppen aufgeteilt und teilweise auf Distanz unterrichtet – wieder eine Regelung, die nicht landesweit, sondern nur für den Kreis galt.

Nicht immer lief der Kampf gegen die Infektionen reibungslos ab. Am Testzentrum in Heppenheim bildeten sich mehrfach lange Schlangen, weil mehr Termine vergeben wurden, als es Kapazitäten gab. Mancher stand umsonst an und musste ungetestet wieder gehen. Die Suche nach einem neuen Standort mit mehr Platz gestaltet sich als schwierig, bis auf weiteres soll das Zentrum in Heppenheim bleiben, nachdem es Kritik an einer Umsiedlung nach Hofheim gab.

Zum Jahresende hin wurde das öffentliche Leben erneut heruntergefahren und die meisten Geschäfte mussten wieder schließen. Zumindest Weihnachtsfeiern im Kreis der Lieben sollen möglich sein. Die Pandemie wird auch 2021 zum Alltag gehören. Derweil liegt die Hoffnung auf dem Impfstoff. Ein Impfzentrum wurde am Berliner Ring in Bensheim eingerichtet. Von Konrad Bülow
  

Von ersten Hamsterkäufen über den ersten Corona-Fall im Kreis und die Lockerungen im Sommer bis zu den hohen Infektionszahlen während der „zweiten Welle“

Eckdaten zur Entwicklung der Corona-Krise in der Region:

27. Februar: Auch wenn es noch keinen Infektionsfall im Kreis Bergstraße gibt, rückt das Thema immer mehr in den Vordergrund. In den Supermärkten kommt es erstmals zu Hamsterkäufen, vor allem Toilettenpapier, Seife, Mehl und Hefe sind begehrt. Das Landratsamt in Heppenheim bereitet sich durch Umstrukturierungen in der Verwaltung und eine personelle Aufrüstung des Gesundheitsamts auf das Coronavirus vor. Der Kreis schaltet auf seiner Homepage eine Informationsseite frei.

1. März: Der erste Coronavirus-Fall im Kreis Bergstraße: Eine 42-jährige Frau aus Lampertheim hat sich die Infektion bei der Fastnacht in Heinsberg geholt.

2. März: Auch das Kreiskrankenhaus in Heppenheim rüstet sich für die ersten Patienten. Die Kapazitäten bei den Intensivbetten und bei den Beatmungsgeräten werden ausgebaut.

6. März: Großer Medienrummel an der Martin-Luther-Schule in Rimbach: Die Skifahrer kommen aus Südtirol zurück, werden von Vertretern des Gesundheitsamts empfangen und alle sofort in zweiwöchige häusliche Quarantäne geschickt.

8. März: Das Landratsamt gibt bekannt, dass die Kassenärztliche Vereinigung Hessen im Kreis Bergstraße ein Testcenter, eine sogenannte Verdachtsambulanz, einrichtet.

14. März: Zur besseren Absprache und Organisation richten die Kreisspitze und die Bürgermeister des Kreises eine tägliche Besprechungsrunde ein.

16. März: Lockdown: Auch im Kreis Bergstraße kommt das öffentliche Leben fast vollständig zum Stillstand.

19. März: In den Gymnasien beginnen die schriftlichen Abiturprüfungen – begleitet von intensiven Hygienemaßnahmen und unter Einhaltung der Abstandsregel.

20. März: Das Landratsamt meldet 21 Neuinfektionen – die höchste Steigerung an einem Tag im ersten Halbjahr, aber weit unterhalb der Werte, die im Herbst notiert werden müssen.

29. März: Im Kreis Bergstraße gibt es den ersten Todesfall aufgrund einer Covid-19-Erkrankung. Es handelt sich um eine 66-jährige Frau aus Hofheim. Besonders tragisch ist, dass eine Woche später ihr Ehemann, der bekannte Fußballtrainer und Funktionär Herbert Kern, an einem Herzinfarkt stirbt.

30. März: Der Öffentliche Personennahverkehr im Kreis wird aufgrund der Krise auf den Ferienfahrplan umgestellt, um zumindest dieses Angebot aufrechtzuerhalten.

9. April: Die Maßnahmen zur Einschränkung der Pandemie greifen: Die Zahlen der Neuinfektionen bewegen sich im Kreis Bergstraße nur noch im einstelligen Bereich, dagegen steigt die Anzahl der Genesenen. Die Zahl der aktuell Infizierten sinkt nun kontinuierlich.

19. April: Zum ersten Mal seit Beginn der Pandemie gibt es im Landkreis keine Neuinfektion innerhalb eines Tages.

27. April: Im Kreis Bergstraße öffnen die weiterführenden Schulen wieder für die Abschlussklassen – unter strengen Hygiene- und Abstandsregeln. Beim Einkaufen sowie in Bussen und Bahnen gilt die Maskenpflicht.

4. Mai: Dank weiterer Lockerungen der Corona-Maßnahmen dürfen jetzt auch wieder Friseure und weitere Branchen ihre Geschäfte öffnen.

5. Mai: Die Zahl der aktuell mit dem Coronavirus infizierten Personen pendelt sich zwischen 40 und 50 und damit auf einem niedrigen Niveau ein. Damit liegt der Kreis Bergstraße auch deutlich unter dem von der Politik frisch festgelegten Grenzwert von 50 Neuinfektionen innerhalb von sieben Tagen bezogen auf 100 000 Einwohner.

6. Mai: In Hessen werden umfangreiche Lockerungen beschlossen, deren Umsetzung jedoch mit strengen Auflagen verbunden ist.

15. Mai: Die nächste Stufe der Lockerungsmaßnahmen greift. Gastronomie, Fitnessstudios und touristische Betriebe wie Campingplätze dürfen wieder öffnen – Voraussetzung dafür sind detaillierte Hygienepläne und die Einhaltung der Abstandsregel.

25. Mai: Viele Sporthallen im Kreis werden wieder für Übungsstunden und Trainingseinheiten der Vereine geöffnet.

27. Mai: Der vierte Tag in Folge ohne gemeldete Neuinfektionen im Kreis – die erste Welle ist abgeebbt. Die Pandemie bleibt im Alltag zwar überall präsent, die Infektionszahlen aber erfahren erst mit dem Ende der Sommerferien wieder eine Steigerung, im Oktober sogar dramatisch.

16. Juni: Die lange angekündigte Corona-Warn-App geht bundesweit an den Start.

22. Juni: Für Grundschulkinder in Hessen beginnt der gemeinsame Präsenzunterricht wieder. Die Schwimmbäder in der Region starten in diesen Tagen in eine verkürzte Saison.

6. Juli: Die Kindertagesstätten in Hessen nehmen wieder den Regelbetrieb auf.

20. Juli: In den Kliniken im Kreis wird kein Corona-Patient mehr stationär behandelt. Den vierten Tag in Folge wurde auch kein Infektionsfall mehr registriert.

27. Juli: Die Maskenpflicht beim Einkauf gilt seit drei Monaten. Bei einer Umfrage äußern sich die meisten Befragten positiv. Zitat: „Ich finde es absolut hervorragend, wenn ein kleines Stück Stoff Menschenleben retten kann.“

1. August: Der Fußball im Kreis rollt wieder. Erste Testspiele finden unter verschärften Hygienebedingungen statt.

17. August: Schulanfang – erstmals mit Hygieneplan. Zugleich steigt die Zahl der Neuinfektionen im Kreis signifikant an. In der letzten Ferienwoche werden 34 Fälle registriert – etwa dreimal so viel wie in den Wochen zuvor.

20. August: Ein Lehrer und 22 Schüler der Heinrich-Metzendorf-Schule in Bensheim müssen vorsorglich in Quarantäne, nachdem sie engen Kontakt mit einer infizierten Person hatten.

18. September: Während die erste Monatshälfte unter Pandemie-Gesichtspunkten vergleichsweise ruhig verlaufen ist, muss an diesem Tag die Karl-Kübel-Schule nach Corona-Fällen vorsorglich geschlossen werden.

21. September: Allgemein steigt die Zahl von Infektionsfällen an Schulen im Kreis an.

10. Oktober: Die Corona-Ampel für den Kreis wechselt auf Gelb: Der Inzidenzwert überschreitet mit einem Wert von 21,4 die 20er-Marke bei der Zahl der Infektionen auf 100 000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen.

13. Oktober: Die Zahl der Neuinfektionen steigt stark an. Mit 29 Fällen an einem Tag wird ein neuer Höchstwert erreicht, der in den folgenden Tagen noch deutlich überschritten wird.

18. Oktober: Der Inzidenzwert überspringt die kritische 50er Marke deutlich und liegt bei 69,1. Der Kreis erlässt schärfere Beschränkungen.

21. Oktober: Die höchste Corona-Warnstufe mit einer Inzidenz über 75 wird im Kreis erreicht.

24. Oktober: 76 Neuinfektionen an einem Tag. Der Inzidenzwert klettert auf 111,3.

28. Oktober: 90 Neuinfektionen an einem Tag – die bislang höchste Zahl im Kreis.

2. November: Als Reaktion auf die „zweite Welle“ gilt bundesweit ein „Lockdown light“ mit massiven Einschränkungen im öffentlichen und privaten Leben.

9. November: Die Inzidenz für den Kreis Bergstraße erreicht mit 160,1 den bisher höchsten Wert seit Beginn der Pandemie. Zugleich überschreitet die Gesamtzahl der Infektionsfälle die 2000er-Marke.

30. November: Bundesgesundheitsminister Jens Spahn will bundesweit 19 Lager für medizinische Ausrüstung einrichten. Eines davon soll in Biblis sein.

1. Dezember: Die Entscheidung ist gefallen. Das Impfzentrum für den Kreis Bergstraße kommt nach Bensheim. Unterdessen flacht die Infektionskurve langsam ab. Der Inzidenzwert für den Kreis fällt auf 100,1.

11. Dezember: So viele neue Infektionsfälle an einem Tag gab es noch nie im Kreis: Die Zahl von 95 treibt auch den Inzidenzwert wieder deutlich in Richtung 150er Marke. Zudem wird an diesem Tag der 50. Todesfall im Kreisgebiet im Zusammenhang mit dem Coronavirus gemeldet.

16. Dezember: Zweiter Lockdown: Im Kreis Bergstraße gelten – wie überall in Deutschland – ab sofort wieder drastische Einschränkungen für das öffentliche Leben. seg