Sonderveröffentlichung
Themenspecial Stadtmagazin Bensheim

Spannendes für Schuhe

Die Firma Delfa produziert im Betriebssitz an der Robert-Bosch-Straße Schuhspanner aus Kunst- und Schaumstoff. 400000 Paare Schaumstoff-Spanner laufen jährlich vom Band. Das Unternehmen beliefert mit seinen Produkten unter anderem Branchengrößen wie Deichmann oder Görtz.  

Betriebsleiter Thomas Schäfer (l.) und technischer Leiter Thomas Klein vor dem Delfa-Firmensitz an der Robert-Bosch-Straße in Bensheim. | Bilder: Thomas Neu

18.10.2019

Text: Barbara Cimander

Sie sind aus Kunststoff, Holz oder Schaumstoff gefertigt und halten Schuhe in Form, die gerade nicht in Gebrauch sind – Schuhspanner dürften wohl fast in jedem Haushalt zu finden sein. Was jedoch die wenigsten wissen: Ein Großteil der Produkte, die im Handel oder in Online-Shops erhältlich sind, wurde in Bensheim hergestellt oder von hier verschickt.

Delfa heißt das Unternehmen, das seit 2011 an der Robert-Bosch-Straße seinen Firmensitz hat. Der grüne Schriftzug vor dem Gelände ist sicher jedem Autofahrer oder Passanten schon mal ins Auge gefallen. In der großen Halle dahinter werden am laufenden Band – im wahrsten Sinne des Wortes – Schuhspanner gefertigt.   

Delfa Schuhspanner

Auf rund 400000 Paare beläuft sich allein die jährliche Produktion von Schaumstoff-Spannern, die nicht nur unter dem Markennamen „Delfa“ verkauft werden. Im Fachhandel stecken die Produkte in Pappschachteln mit dem Namen „Nico“ – seit 1968 der Mutterkonzern von Delfa. Außerdem werden in Bensheim Aufträge für bekannte Branchengrößen wie Deichmann oder Görtz hergestellt. Auch Aldi oder Tchibo wurden schon mehrfach beliefert.  

Ob spitz, rund oder flach: „Es gibt keine Schuhform, die wir nicht anbieten“, sagt Thomas Schäfer.

„Die Firma Nico ist Weltmarktführer bei Schuhspannern“, erklärt Thomas Schäfer, der sich als Betriebsleiter in Bensheim vor allem um das administrative Geschäft kümmert. Er ist seit 1990 bei Delfa – und damit ein „alter Hase“. Ebenso wie sein Namensvetter Thomas Klein, der als technischer Leiter seit 22 Jahren an Bord ist. Mit lediglich elf Mitarbeitern stemmen sie das Geschäft – von der Herstellung bis zur Montage, Endkontrolle und Verpackung.
  
Besonders anschaulich – und für den Laien eindrucksvoll – ist die Produktion der Schaumstoff-Schuhspanner, die komplett in Bensheim gefertigt werden. Herzstück sind die mächtigen Maschinen, die Schäfer und Klein nach ihren eigenen Bedürfnissen und Ansprüchen mitentwickelt haben und bauen ließen. „Das sind Einzelstücke“, betont Schäfer. Zunächst werden die Rohlinge aus Polyurethan- Schaum gefertigt: Die Modelle, in die die Masse gespritzt wird, gibt es in zwölf verschiedenen Formen – von spitz zulaufend bis rund, damit alle Arten von Schuhen abgedeckt werden können. Egal ob Pumps, Ballerinas oder Herrenschuhe: „Es gibt keine Schuhform, die wir nicht anbieten“, sagt Thomas Schäfer. 20 Minuten dauert ein Umlauf der Maschine, 112 Schaumstoff-Rohlinge entstehen in diesem Zeitraum.  

„Made in Germany – das können wir hier mit ruhigem Gewissen sagen.“

Charakteristisch für die Schuhspanner ist ihr weicher Viskose-Überzug, der sich fast wie Samt anfühlt. Hier kommt die zweite Maschine zum Einsatz, auf der die Rohlinge mehrere Stationen durchlaufen. Auf einem Förderband aufgesteckt, werden die Schaumstoffteile zunächst mit einer dünnen Leimschicht überzogen. Dann folgt die sogenannte „Beflockung“. Damit sich die einzelnen winzigen Viskose-Fasern gleichmäßig und senkrecht auf den Schaumstoff setzen, ist elektrostatische Aufladung nötig. In diesem Teil der Maschine herrscht daher Hochspannung.

In einer Art Backofen werden die Schuhspanner bei 100 bis 140 Grad dann langsam getrocknet. Pro Schicht können rund 3500 Teile durch die Beflockungsmaschine laufen, ein Durchlauf dauert 25 Minuten. Delfa produziert den Schuhspanner in 16 verschiedenen Farben – je nach Wunsch des Auftraggebers in türkis, pink, weinrot oder dunkelblau. Vor einem Farbwechsel muss die komplette Maschine akribisch gereinigt werden – 16 Arbeitsstunden dauert es, bis von den winzigen Viskose-Fasern keine Spur mehr zu sehen und die Maschine bereit für eine neue Farbe ist.   
   
So entsteht ein Schaumstoff-Schuhspanner: Vom weißen Rohling (l.) über das kurze Bad im Leim (oben) und nach der Beflockung (r.) auf dem Weg zum Trocknen. | Bilder: Thomas Neu
So entsteht ein Schaumstoff-Schuhspanner: Vom weißen Rohling (l.) über das kurze Bad im Leim (oben) und nach der Beflockung (r.) auf dem Weg zum Trocknen. | Bilder: Thomas Neu
Nun fehlt nur noch die Endmontage und Kontrolle, für die zwei Mitarbeiterinnen zuständig sind. Jeden einzelnen Schuhspanner versehen sie per Hand mit einem Kunststoffgriff und untersuchen das Produkt auf eventuelle Makel. Ist beispielsweise der Flock an einer Stelle unregelmäßig, wird das Teil aussortiert. Egal ob Kunststoff-Griff oder Viskose- Fasern – alle Komponenten, die für die Herstellung des Schaumstoff-Schuhspanners zum Einsatz kommen, stammen von deutschen Lieferanten.

„Made in Germany – das können wir hier mit ruhigem Gewissen sagen“, bringt es Betriebsleiter Thomas Schäfer auf den Punkt. Jedes Jahr wird das Produkt nach Öko-Tex-Standard überprüft und zertifiziert. Für sich spricht auch die Reklamationsquote: Die liegt bei den Schaumstoff- Spannern bei null, so Schäfer. „Man sieht ein Produkt mit anderen Augen, wenn man weiß, wie es hergestellt wird“, fügt Thomas Klein hinzu.

Auch die Schuhspanner aus Kunststoff – die günstigste Variante – werden auf einer Spezialmaschine in Bensheim produziert. Die Holzspanner kauft Delfa ein. Für die Variante aus deutschem Buchenholzist eine Firma in Bad Berleburg beauftragt. Die Produkte aus Red Cedar Holz werden in China gefertigt – 35000 Paare treffen einmal pro Monat aus Fernost in Bensheim ein.

Neben der Belieferung des Fachhandels spielt seit einigen Jahren der Online-Versand eine immer größere Rolle. Delfa vertreibt die Produkte nicht nur über den eigenen Online-Shop, sondern auch über den Versandhändler Amazon, dessen Logistikzentren von Bensheim aus beliefert werden. Kein Wunder, dass sich in der großen Halle unzählige Pakete auf Paletten stapeln. Bis zu 1300 Aufträge pro Woche werden von Bensheim aus verschickt. 2018 wurden insgesamt 60000 Paare Holzspanner über Amazon versandt, in diesem Jahr sind es – Stand Mitte September – bereits rund 80000. Trotz der beachtlichen Stückzahlen, die in Bensheim hergestellt oder von hier weitertransportiert werden: Bei Delfa geht es sehr familiär zu. Viele Mitarbeiter halten dem Unternehmen schon seit Jahren oder Jahrzehnten die Treue. „Wir sind wie eine große Familie“, sagt Thomas Klein.
   

Schadstofffrei und nachhaltig

„Spannendes für Schuhe“ lautet der Slogan der Firma Nico, zu der Delfa seit Ende der 1960er Jahre gehört. Das Sortiment des Unternehmens ist aber noch breiter aufgestellt: Neben Schuhspannern sind Stiefelformer aus Kunststoff oder Holz im Angebot, außerdem Schuhanzieher aus verschiedenen Materialien sowie exklusive Gehstöcke, die aus italialenischem Kastanienholz gefertigt werden.

Kürzlich hat Delfa außerdem eine Produktidee aus der TV-Sendung „Höhle des Löwen“ umgesetzt. „Hearts for Heels“ sind kleine Schaumstoff-Schuhpads in Herzform, die für eine bessere Passform und Standfestigkeit in High Heels eingesetzt werden können. In der Entwicklung sind derzeit neuartige Schuhspanner, die aus nachwachsenden Rohstoffen gefertigt werden – unter anderem Gras- und Holzabfälle – und dann weitgehend ohne Plastik auskommen.

Auf ökologische Verpackung und Herstellung wird bei Delfa großer Wert gelegt. „Die Einhaltung strenger Grenzwerte, der Verzicht auf FCKW und andere Schadstoffe sind für uns eine Selbstverständlichkeit“, betont Betriebsleiter Thomas Schäfer. Für die Holzprodukte werden ausschließlich Hölzer verwendet, die aus natürlichen Aufforstungen stammen – etwa Buchenholz aus heimischen Nutzwäldern oder das Holz des Riesen-Lebensbaums (Aromatic Red Cedar), der in Nordamerika wächst.

Zwar wird der Online-Handel auch in Zukunft das gewichtigste Standbein für Delfa sein, trotzdem wird in diesen Tagen ein kleiner Werksverkauf am Bensheimer Standort eröffnen – auch, um die Marke Delfa vor Ort bekannter zu machen.
   

Die Firmenhistorie

● Die Geschichte der Firma Delfa reicht zurück bis ins Jahr 1907. Damals – im Deutschen Reich regierte noch Kaiser Wilhelm II. – wurden die Holzwerke Dietrich von Ludwig Dietrich in Bickenbach gegründet. Innerhalb kurzer Zeit war der Betrieb im In- und Ausland als Hersteller und Lieferant von Schuhleisten und Holzabsätzen bekannt.

„Der elegante Leisten für alle“ lautete die damalige Firmenphilosophie. Aus den Anfangsbuchstaben der fünf Wörter wurde der bis heute bestehende Markenname „Delfa“.

1926 wurde das Werk nach Darmstadt verlegt. 1932 trat Gustav Dietrich, Sohn des Firmengründers, bei Delfa ein und übernahm den Betrieb 1941 nach dem Tod seines Vaters.

● Im Deutschland der Nachkriegszeit begann Dietrich 1947 mit sieben Mann in einem leerstehenden Tanzsaal in Ober-Beerbach wieder mit der Produktion. Zwei Jahre später wurde das Werk an alter Stelle in Bickenbach wieder aufgebaut.

● Schuhspanner aus Holz wurden nun in großen Serien produziert und im gesamten Schuhhandel nicht nur in Deutschland vertrieben, sondern in viele europäische Länder exportiert.

● Unter dem Firmennamen Delfa übernahm die Firmengruppe Norbert Schmid KG aus Fellbach (später Nico) im Jahr 1968 die Holzwerke Dietrich. Die Produktion wurde damit neu ausgerichtet. Neben Schuhformern aus Holz, Kunststoff und Stiefel-Schaftformern befasste man sich jetzt auch mit der Entwicklung und Produktion von Weichschaumformern. Die Schaumstoff-Schuhspanner wurden zu einem Hauptzweig des Unternehmens.

● Mit dem Umzug in den neuen Betriebssitz an der Robert-Bosch-Straße in Bensheim beginnt im Dezember 2011 eine neue Ära. Nach über 100 Jahren wurden damit neue Weichen für Delfa als zentrales Vertriebszentrum der Nico-Firmengruppe gestellt, mit Büros und Produktion in neuen, moderneren Räumen und mit besserer Verkehrsanbindung.
  
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