Sonderveröffentlichung
Themenspecial Stadtmagazin Bensheim

Stimmen des Frühlings

Am frühen Morgen mit dem Nabu Bensheim durch den alten Buchenwald zwischen Wilmshausen und Gronau: Von Rotkehlchen bis Rotmilan bekamen die Teilnehmer dabei einige Vogelarten zu sehen – und zu hören.

Text: Thomas Tritsch 

Nichts für Morgenmuffel: Vogelexkursionen. Sonntags, acht Uhr. Selbst die Flieger scheinen noch zu schlummern. Nur hier und da hört man einen Buntspecht bei der morgendlichen Nackengymnastik. Eine aufgeweckte Dohle schickt ein hellklingendes „kja“ herunter. „Tja“, denkt man und hofft auf möglichst viele weitere gefiederte Begegnungen der regionalen Art. „Abwarten“, meint Stephan Schäfer. Der Vorsitzende des Nabu Bensheim/Zwingenberg ist zuversichtlich. Und sollte Recht behalten.

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Schäfer ist Kreisbeauftragter für Vogelschutz. Augen wie ein Adler und Ohren wie ein Luchs. Ein ornithologisches Lexikon auf zwei Beinen. Er ging voran bei dieser ganz besonderen Vogelstimmenwanderung unter dem romantischen Titel „Vorfrühling im Buchenwald Wilmshausen“. Das Terrain, auf dem Ende März ein gutes Dutzend Mitläufer unterwegs war, nennt sich „Im Buschern“. Ein grüner Höhenzug zwischen Wilmshausen und Gronau. Voller alter Bäume, durchsetzt mit ein paar Lichtungen, die stürmische Winde oder (hoffentlich) weniger stürmische Forstwirtschaftler verursacht haben. Der noch unbelaubte Wald bietet erstklassige Sichtverhältnisse. Mal sehen, was die Akustik hergibt. Die Gläser sind geputzt. Auf den ersten Metern verschluckt einen die typische Landschaft des vorderen Odenwalds zwischen Hohberg und Haurod, der schon auf Lautertaler Gemarkung liegt: Idyllische Seitentäler, dichter Wald und weite Wiesenflächen vereinen sich zu einem beinahe impressionistischen Gemälde, dem die morgendliche Frühlingskühle eine natürliche Klarheit verleiht. Fünf Grad. Als die Luft sich langsam erwärmt, kreisen die ersten Rotmilane über den Baumkronen.

Die Greifvögel haben das Revier seit vielen Jahren besetzt. Zur Freude von Vogelfreunden, und zum Leidwesen von jenen, die in der Umgebung Windkraftanlagen bauen wollten. Den entsprechenden Regionalplan zur Ausweisung sogenannter Vorrangflächen hatte das Tier vor wenigen Jahren gehörig auseinandergenommen. Der Rotmilan gilt in dieser Diskussion als „Streitvogel“ und Investorenschreck. An diesem Tag verhielt er sich erstaunlich friedlich.

Als die Luft sich langsam erwärmt, kreisen die ersten Rotmilane über den Baumkronen.

Das rostrot gefärbte Federkleid leuchtet in der Morgensonne. Ein Vogel segelt über den Baumspitzen. Markant ist der lange, tief gegabelte Schwanz. „Sein Verhalten ist ein deutlicher Hinweis auf ein Brutvorkommen“, so Stephan Schäfer mit dem Fernglas im Anschlag. Mit dem typischen Kreisflug markieren sie ihr Revier. Das erste Motiv des Tages. Lange Kameraobjektive drehen sich Richtung Himmel. Schäfer erklärt, dass manche Milanpaare den gleichen Horstbau Jahr für Jahr wiederverwenden. Einer davon ist ganz in der Nähe. Unmittelbar am Wegesrand erkennt man in der hohen Gabel eines Baums einen alten Bussardhorst, während der Sperber Fichten bevorzugt.

Nicht nur Vögel, auch andere Waldbewohner – wie diese beiden Eichhörnchen – bekamen die Teilnehmer der Nabu-Frühlingswanderung vor die Linse. Bilder: Thomas Neu
Nicht nur Vögel, auch andere Waldbewohner – wie diese beiden Eichhörnchen – bekamen die Teilnehmer der Nabu-Frühlingswanderung vor die Linse. Bilder: Thomas Neu
Vor allem die Waldrandzonen sind sehr artenreich. Zwischen jüngeren Bäumen stehen immer wieder sogenannte Habitatbäume: alte, oftmals schon abgestorbene Hölzer, die unzähligen Tieren einen perfekten Lebensraum bieten. Darunter Vögeln, Wildbienen und viele Insektenarten, aber auch Pflanzen, Pilzen und Mikroorganismen, die für die ökologische Balance des Waldes elementar sind. Man erkennt, dass auch Totholz eine ungeheure Lebendigkeit ermöglicht.

Umso besser, dass diese meist deformierten und häufig verletzten Stämme für die Forstwirtschaft uninteressant sind. Der dauerhafte Schutz und Erhalt dieser lebendigen Vielfalt sei ein wichtiges Ziel des Nabu. „Schließlich sind auch wir Menschen auf intakte Wald-Ökosysteme angewiesen“, betont Schäfer unterwegs. Gerade zwischen zwei Ballungsräumen wie den Metropolregionen Rhein- Main und Rhein-Neckar sei der Wald ein wertvolles Korrektiv. „Die Bewirtschaftung sollte nicht zu stark im Vordergrund stehen“, so der Vogelkundler und Naturschützer.

„Auch wir Menschen sind auf intakte Wald-Ökosysteme angewiesen.“

Weiter geht es durch dichte Buchenwälder, die sich, je höher man kommt, immer mehr auflichten und von jüngeren Bäumen dominiert werden. Manche Exemplare sind um die 140 Jahre alt.

Majestätisch: Ein Rotmilan zog seine Kreise über dem Buchenwald von Wilmshausen. Bild: Thomas Neu
Majestätisch: Ein Rotmilan zog seine Kreise über dem Buchenwald von Wilmshausen. Bild: Thomas Neu
Neun Uhr. Das Sonntagskonzert beginnt. Zwei Spechte streiten um ein Revier, ein Bussard schaut sich das aus der Nähe an. Dazu erklingt der Reviergesang des Rotkehlchens, ein klassischer Bodenbrüter, der sich nicht nur in Gärten und Hecken, sondern auch am Waldrand wohlfühlt.

Mehrere Walddohlen fliegen vorbei, ihre Präsenz deutet auf eine kleine Kolonie hin. Die Art nutzt bisweilen ausgediente Höhlen von Spechten als Behausung und Brutstätte. Spechte sind deshalb auch die Vorreiter des „sozialen Wohnungsbaus“ im Wald. Wenn sie ausziehen, finden zahlreiche Nachmieter eine günstige Bleibe. Ohne Courtage, und ohne jegliche Nebenkosten.

Stephan Schäfer (l.), Vorsitzender des Nabu Bensheim/Zwingenberg, führte die Vogelwanderung in Wilmshausen. Bild: Thomas Neu
Stephan Schäfer (l.), Vorsitzender des Nabu Bensheim/Zwingenberg, führte die Vogelwanderung in Wilmshausen. Bild: Thomas Neu
Auch der Kleiber ist ein Höhlenbrüter. Der typische Waldvogel ziert sich an diesem Sonntag, ebenso wie die Drossel. Fehlende Instrumente im Wald-Orchester, das dann doch noch von einem besonders virtuosen Musiker begleitet wird: der Singdrossel. Wenn ein Vogel sehr lange und ganz unterschiedliche Melodien singt, und wenn zudem die einzelnen Motive gleich mehrere Male – meistens dreimal – wiederholt werden, dann handelt es sich um diesen Meistersänger. Eigentlich auf abendliche Serenaden spezialisiert, flötet sie an diesem Morgen von einer exponierten Baumspitze herunter. Von März bis Juli ist Brutzeit.

Die Singdrossel flötet von einer exponierten Baumspitze herunter – ein wahrer Meistersänger.

Als die Mittagssonne durch die Wipfel dringt, macht sich die Gruppe auf den Rückweg. Stephan Schäfer erklärt, dass die Vogelstimmen in den Morgenstunden mehrstimmiger sind, während gegen Abend der Gesang weniger, einzelne Stimmen aber besser herauszuhören sind.

Viele Buchen wachsen im Gebiet „Im Buschern“ zwischen Gronau und Wilmshausen. Bild: Thomas Neu
Viele Buchen wachsen im Gebiet „Im Buschern“ zwischen Gronau und Wilmshausen. Bild: Thomas Neu
 Diese audiovisuelle Entdeckungsreise hat sich auf jeden Fall gelohnt. Wenn Morgenmuffel wüssten, was sie im Wald alles verpassen . . .

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Mehr über den Nabu Bensheim/Zwingenberg, über seine Aktivitäten und Veranstaltungen im Internet unter: www.nabu-bensheim.de

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