1. Block für Werbung geeignet (1. echter Block 10014/1044)
Werbung wurde explizit für die Seite ausgeschaltet
Sonderveröffentlichung
Themenspecial Stadtmagazin Bensheim - Februar 2022

Wie eine Reise in die Vergangenheit

Kaufhaus Krämer

Leichter Gruselfaktor: In den Räumen des ehemaligen Kaufhauses Krämer wimmelt es noch von alten Schaufensterpuppen. Bilder: Thomas Neu

18.02.2022
„Gut, dass ich nicht tags zuvor ,Shining‘ oder einen anderen Gruselfilm gesehen habe“, schießt es mir durch den Kopf beim Betreten des Hauses. Im Auftrag der städtischen Marketing- und Entwicklungsgesellschaft Bensheim (MEGB) soll ich den Ist-Zustand des ehemaligen Kaufhauses Reiling/Krämer am Marktplatz mit der Kamera dokumentieren.
Sparkasse Bensheim
Als die Haustür hinter mir ins Schloss fällt, überkommt mich ein leicht mulmiges Gefühl, denn ich bin allein in einem riesigen verschachtelten Häuserkomplex, der aus fünf miteinander verschmolzenen Gebäuden besteht. Noch ein Blick auf das Handy, um den Ladezustand des Akkus zu kontrollieren – und ob ich hier im „Lost Place“ in der Bensheimer Innenstadt überhaupt Empfang habe. Sollte ich beim Fotografieren eine morsche Treppenstufe übersehen oder anders zu Fall kommen, wäre es wenigstens möglich, Hilfe herbeizurufen. Nachdem die Kamera auf das Stativ geschraubt ist, arbeite ich mich von Raum zu Raum, von Etage zu Etage. Es ist eine faszinierende Zeitreise in die Wohnkultur längst vergangener Zeiten – und somit auch in die eigene Kindheit und Jugend in den 60er und 70er Jahren. Immer wieder fotografiere ich Lampen, Fliesen oder Tapeten, die in gleicher Form oder mit ähnlichen Mustern auch in der Wohnung meiner Eltern oder Großeltern hingen.

An die ehemaligen Bewohner dieses Hauses erinnern Namensschilder an den Haustüren. Viel Unrat hat sich angesammelt, in der Luft liegt ein leicht modriger Geruch, der entsteht, wenn sich in ungeheizten Räumen der Staub der Jahre und Feuchtigkeit zu einer unangenehmen Melange verbinden. Im vergangenen Jahr wurden einige Räume für Dreharbeiten der Komödie „Lucy ist jetzt Gangster“ revitalisiert und so stoße ich im oberen Wohnbereich auf frisch verlegten Teppichboden und blaue Holzverkleidung an den Wänden.
Bei meinem Rundgang durch das Gebäude begegnen mir immer wieder Relikte der Kaufhausgeschichte. Besonders beeindruckend und auch etwas verstörend sind die vielen Schaufensterpuppen. Die teilweise stark verdreckten Körper, an der Wand lehnend oder auf dem Boden liegend, haben etwas Furchteinflößendes mit ihren Glasaugen, die mich beim Fotografieren zu fixieren scheinen. Auch auf dem Speicher liegen künstliche Beine und Arme. Auf einem Regal streckt sich mir eine Hand mit rot lackierten Fingernägeln entgegen. Glücklicherweise sind es nicht die Trophäen eines Serienmörders à la „Jack the Ripper“, sondern nur weitere Teile von Schaufensterpuppen.

Aus den Fenstern ergeben sich ungewohnte Blicke auf die Bensheimer Innenstadt und die umliegende Dächerlandschaft. Die letzte Fotosession bei diesem ungewöhnlichen Auftrag ist die spannendste: Für die Kellergewölbe habe ich mir Unterstützung mitgebracht. Ein Freund hilft mir als Beleuchter und ist ein sinnvoller Sicherheitsfaktor in dem labyrinthartigen Kellergewölbe, in dem es nicht ratsam ist, allein unterwegs zu sein. Ein Sturz oder eine unachtsame Bewegung könnten fatale Folgen haben – ohne Handyempfang und Ortung.

Auch hier gibt es viele interessante Objekte zu entdecken, alte Schränke oder verstaubte Unterlagen, die an die Kaufhausgeschichte erinnern. So zum Beispiel die „Tarifordnung für den Groß- und Einzelhandel im Wirtschaftsgebiet Hessen“. Davor auf dem Boden liegend ein trauriger Anblick: ein mumifizierter Frosch auf einem gelochten vergilbten Blatt Papier.

Auch Weinflaschen lagern noch im Keller, allerdings keine wertvollen Weinraritäten, sondern Rebensäfte, die höchstens noch für die Salatsoße taugen. Nach drei Stunden im Keller steige ich mit meinem „Beleuchtungsassistenten“ wieder ans Tageslicht, und wir sind beide froh, wieder frische Luft zu atmen. Mittlerweile sind die Kellerräume leer geräumt – und somit sind die Aufnahmen auch ein Stück Bensheimer Geschichte. Im Laufe der nächsten Jahre sollen die Architektin Barbara Olbrich und der Architekt Sanjin Maracic dem historischen Gebäudekomplex neues Leben einhauchen. Thomas Neu
  

info Hintergrund

Die Geschichte des Kaufhauses
Die Ostseite des Gebäudekomplexes vom Marktplatz aus gesehen. Bild: Thomas Neu
Die Ostseite des Gebäudekomplexes vom Marktplatz aus gesehen. Bild: Thomas Neu
Den Grundstein für das jahrzehntelang erfolgreiche Kaufhaus im Bensheimer Zentrum legte Anschel Reiling, der 1857 ein Geschäft in der Hauptstraße 24 eröffnete.

Die Witwe des jüdischen Kaufmanns, Elise Neugaß, kaufte 1876 das Manufakturwaren- und Konfektionsgeschäftshaus von Georg Krausser an der Ecke Hauptstraße/Bahnhofstraße und verlegte das Geschäft dorthin – es war die Geburtsstunde des Kaufhauses Reiling.

Das Sortiment war breit aufgestellt, von Herren- und Damenbekleidung über Pelze, Möbel bis hin zu Gardinen reichte die Warenvielfalt. Zudem betrieben die Söhne des Gründers, Lazarus und Daniel Reiling, ein kleines Bankgeschäft.

1911 kam schließlich Professor Heinrich Metzendorf ins Spiel. Er wurde von der Familie mit dem Um- und Erweiterungsbau beauftragt – das Ergebnis lässt sich heute noch unter anderem an der flexiblen Nutzung der Räumlichkeiten und den markanten Rundbogenfenstern ablesen.

Als innovativ gilt damals wie heute der Erweiterungsbau entlang der Bahnhofstraße, den Metzendorf in Anlehnung an die großen Kaufhäuser in Berlin, München und Paris gestaltet.

1929 stellte die Familie Reiling den Kaufhausbetrieb schließlich ein. Nach der Aufgabe des Geschäfts zog die Familie von Artur Reiling nach Zwingenberg und emigrierte von dort aus.

Später übernahm das seit 1909 bestehende Kaufhaus Blüm & Krämer das Gebäude an der Ecke Marktplatz/Bahnhofstraße. Es wurde seit 1936 von Wilhelm Krämer und seiner Frau Auguste, geborene Ebling, geführt.

Nach dem Tod des Ehepaars Krämer leitete Richard Ebling den Betrieb gemeinsam mit Hans Emig, der 1964 ausschied.

Richard Eblings Sohn Hans trat 1970 in den elterlichen Betrieb ein. Er führte das Kaufhaus bis zur Schließung aus wirtschaftlichen Gründen im Jahr 2003.

2018 kaufte die städtische Marketing- und Entwicklungsgesellschaft (MEGB) das denkmalgeschützte Ensemble für knapp zwei Millionen Euro, abgesegnet von der Stadtverordnetenversammlung.
  
Weitere Artikel
Es war eine Zeit des Umbruchs, aus der vor 50 Jahren die Gemeinde Lautertal geboren wurde. Mit der hessischen Gebietsreform veränderte sich die kommunale Landkarte des Landes Hessens nachhaltig. Das
09.06.2022
Mit der offiziellen Gründung der Gemeinde Lautertal am 1. Januar 1972 endete zwar ein langer Weg. Jener, der zum heutigen Bild der Kommune führen sollte, begann aber erst. Schon die ersten Monate
09.06.2022
Als Vorsitzender der Gemeindevertretung prägt Helmut Adam (CDU) die Lautertaler Kommunalpolitik entscheidend mit. Zuvor war er Erster Beigeordneter und musste nach dem Rücktritt von Bürgermeister
09.06.2022

Hallo liebe Welt der UTF-8 Umlaute Übersicht

Umlaut ä = ä
Umlaut ö = ö
Umlaut ü = u
Umlaut Ä = Ä
Umlaut Ö = Ö
Umlaut Ü = Ü
und das scharfe s ß = ß