Sonderveröffentlichung
Themenspecial Stadtmagazin Bensheim

Zusammen Nähen verbindet

Aus einem Sprachkurs für Geflüchtete heraus wurde im Jahr 2015 ein Nähtreff gegründet, der sich inzwischen fest etabliert hat. Während des Corona-Lockdowns haben die Frauen rund 4500 Mundschutzmasken genäht.

Teilnehmerinnen und Organisatorinnen des Nähtreffs präsentieren stolz eine fertige Patchwork-Decke. | Bild: Thomas Zelinger  

23.10.2020
Glauben Sie, dass es Ihre Initiative in einem Jahr noch geben wird?“ Das, so erinnert sich Pia Ritzert, wurde der Nähtreff des Katholischen Pfarreien-Verbunds Bensheim im Jahr 2017 gefragt, als er mit einem Sonderpreis der „Wilhelm Emmanuel von Ketteler-Stiftung“ ausgezeichnet wurde. Die damals selbstbewusst vorgebrachte bejahende Antwort griff nicht zu hoch: Die Initiative hat nicht nur das nächste Jahr, sondern auch die Zwangspause wegen der Corona-Krise mit beeindruckender Vitalität überstanden. Seit Anfang September treffen sich die derzeit etwa zwölf Teilnehmerinnen wieder regelmäßig zum gemeinsamen Nähen, inzwischen in Räumen der evangelischen Michaelsgemeinde, die durch die Vermittlung und Unterstützung des Lions-Clubs gefunden wurden.
     
Rettig
Angefangen hatte alles im Herbst 2015. In den ehrenamtlichen Sprachkursen, die die Kirchengemeinde Sankt Georg für Geflüchtete anbot, gab es unter den Teilnehmenden einen Schneider aus Afghanistan, der nach einer Möglichkeit zu nähen fragte. Eine Nähmaschine zu kaufen, kam nicht in Frage, aber ein Spenden-Aufruf der Sprachlehrerin erbrachte schnell drei nicht mehr benötigte Nähmaschinen – und damit die Grundlage für einen kleinen Nähtreff. Der um Unterstützung gebetene Caritas-Ausschuss der Kirchengemeinde sah hier die Grundlage für einen breiteren Ansatz, aber auch Handlungsbedarf: Das vorhandene Material machte es schwer, zu zufriedenstellenden Ergebnissen zu kommen. Über private Kontakte wurden weitere Sachspenden organisiert. Fast über Nacht war dann eine ordentliche Ausrüstung da, inklusive Bügelbrett und Bügeleisen, ohne die beim Nähen eigentlich nichts geht. Was fehlte, war richtiger Stoff. So reichte es unter Anleitung des afghanischen Schneiders, der allerdings bald in eine andere Gemeinde umziehen musste, nur zum Nähen von Kuscheltieren, kleinen Täschchen und Ähnlichem, jedoch nicht für Bekleidung.
     
Kurz vor Weihnachten 2015 löste sich dieses Problem durch eine Wagenladung voller Stoff vom Hospiz Bergstraße – aus dem Nachlass eines Hospiz-Gastes. So ausgerüstet wurde das Nähangebot auf eine breitere Basis gestellt. Bald fand sich ein Team von acht Ehrenamtlichen, das im Pfarrzentrum von Sankt Georg ein wöchentliches Angebot von zwei Stunden gewährleistete. Nach zögerlichen Anfängen mit etwa sechs Interessentinnen wuchs der Stamm der Teilnehmerinnen bis März 2020 auf 16 Frauen an – aus Afghanistan, Iran oder Pakistan, aus Indien, Türkei und Spanien, aus Brasilien, Italien und Somalia oder Eritrea.
      
Gegenseitige Hilfestellung ist beim Nähtreff eine Selbstverständlichkeit. Momentan trifft sich die Gruppe in den Räumen des Pfarrzentrums der Michaelsgemeinde. | Bilder: Thomas Zelinger
Gegenseitige Hilfestellung ist beim Nähtreff eine Selbstverständlichkeit. Momentan trifft sich die Gruppe in den Räumen des Pfarrzentrums der Michaelsgemeinde. | Bilder: Thomas Zelinger
Mit der Corona-Problematik wurde das gemeinsame Nähen unmöglich. Doch das Orga-Team, bestehend aus Rachel Jakob, Melanie Kuch, Ingrid Methner, Julia Noga, Pia Ritzert, Andrea Schuhmann und Sybille Schulz fand Wege, die coronabedingte Durststrecke zu überstehen. Aus den Reihen der gemeinsamen Teilnehmerinnen vom Babbeltreff des Integrationszentrums und des Nähtreffs kam ein Vorschlag, den die Organisatorinnen gerne aufgriffen: Man wollte sich an der Produktion von Mund-Nasen-Schutzmasken beteiligen, die nun an allen Ecken und Enden gebraucht wurden. Zunächst entwickelte das Team einen auch für Nähanfänger geeigneten Schnitt. Den zunächst fünf Teilnehmerinnen schlossen sich dann auch noch Freundinnen und Nachbarinnen an, so dass sich zeitweise 17 Damen beteiligten. Anfangs nähten sie für die Initiative „Wir sind Bergstraße“, dann aber auch auf eigene Anfragen etwa von der Tafel, dem Diakonischen Werk, dem KMB oder der Stadt. Milbenschutz-Matratzenbezüge erwiesen sich als preisgünstige Quelle für das ansonsten im Handel nicht mehr erhältliche Spezialvlies, das als Einlage für 2500 Masken für die Stadt Bensheim – die die Kosten für das Vlies übernahm – verwendet wurde.

Fast über Nacht war eine ordentliche Ausrüstung da, inklusive Bügelbrett und Bügeleisen.

Bis Mitte Juli, als der Bedarf allgemein weitgehend gedeckt war, wurden von den Frauen insgesamt etwas mehr als 4500 Masken produziert. Voraussetzung für die Durchführung des Projekts war, dass jede Teilnehmerin inzwischen selbst zu Hause eine Nähmaschine besaß, die sie gegen eine Selbstbeteiligung von 10 Euro erworben hatte: gebrauchte Maschinen, die von den Organisatorinnen des Nähtreffs im Internet für jeweils etwa 20 Euro ersteigert worden waren. Um nach dem Maskennähen weiter aktiv zu bleiben, wurde ein neues „Homeoffice-Projekt“ gefunden. Vier Damen aus dem Orga-Team schnitten jede Menge Stoffreste in gleichgroße Teile und erstellten eine Bilder-Anleitung für das Nähen einer Patchworkdecke, die jede der Teilnehmerinnen schließlich ihr eigen nennen kann.

Mit den ersten gemeinsamen Treffen unter strengen Hygienebedingungen nimmt die Arbeit der Nähtreff-Initiative nun wieder Fahrt auf. Auf der Agenda ganz oben steht außerdem ein neues größeres Projekt: Es soll ein für alle Interessenten erschwinglicher Nähkurs angeboten werden, in dem der Umgang mit der Maschine und alle elementaren Techniken erlernt werden sollen, die man benötigt, um einfache Projekte sowie kleinere Reparaturarbeiten im Haushalt zu meistern.

Der Nähtreff ist ein Treffpunkt für alle, die Spaß am Nähen haben. Auch deutsche Muttersprachler sind übrigens sehr willkommen. Verwirklicht werden können individuelle Ideen vom Kissenbezug bis zur Kleidung für Kinder und Erwachsene. Alle Betreuerinnen sind geübte Näherinnen und helfen bei schwierigeren Arbeiten. Der Treff ist nicht nur eine Möglichkeit, sich selbst zu entwickeln und Gemeinschaft zu erleben, sondern er fördert auch die Sprachkompetenz, denn die gemeinsame Sprache ist Deutsch. Von Anfang an war der Anspruch der Organisatorinnen außerdem, auch über das Nähen hinaus Hilfen bei der Bewältigung des deutschen Alltags zu geben.

Als „kontinuierlichen Beitrag zur Integration“ zeichnete die „Wilhelm Emmanuel von Ketteler-Stiftung“ den Nähtreff 2017 aus. Viele Teilnehmerinnen von damals sind auch heute noch dabei. Ein „Kann ich bitte mal das Bügeleisen haben“ kommt ihnen ebenso selbstverständlich über die Lippen wie das „Tschüss, ein schönes Wochenende auch“ am Ende des Treffens.

Mitmachen:
Derzeit ist eine Teilnahme nur nach Anmeldung möglich – und wenn es einen freien Platz gibt. Über Stoffspenden freut sich der Nähtreff sehr. Kontakt über Pia Ritzert, Telefon 06251/64132.